Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1893)
- Date
- 1893-08-01
- Page
- Seite 189 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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189 Les Ans des siecles. Die Schwellen der ZayrHunderte. Von Dr. A. Kurrein, Rabbiner in Teplitz. Das Ende des Jahrhunderts, in welchem wir uns eben befinden, ist zum geflügelten Worte im Munde so vieler geworden, um zu einem Entschuldigungs-, mindestens einem Erkärungsgrunde zu dienen für so manche auffallende Erscheinung, für so manche unerklärliche Thatsache, die scheinbar urplötzlich in unseren allernächsten Gesichtspunkt gerückt ist. In der That und Wirklichkeit liegt in dem Ende eines Jahrhunderts nicht mehr als in seinem Anfänge und in seiner Mitte oder in irgend einem Jahre, und nur unsere Gedanken und Reflexionen sind es, welche durch den äußerlichen Anlaß einer abschließenden Zahl einen willkürlichen Einschnitt in die unteilbare, ewig sich fortbewegende Zeit, in den ununterbrochenen Gang der Ereignisse führen und die Ergebnisse dieses Teiles der Gesammtheit von seinem Anfang bis zu seinem Ende betrachtend überschauen, summieren und darüber sich ein Gesammturteil bilden, wie es auch zu jeder andern Zeit des Lebens nach Belieben des Denkers geschehen könnte. Auf diesen Gedanken führt uns eine Ansicht der Alten (Midr. Deuteronom. c. 2 und Talm. jerus. Roschhaschana c. 1): Die Engel des Herrn fragen Gott: Wann ist der Neujahrstag und der Versöhnungstag, an welchen das große himmlische Gericht gehalten wird? Darüber müßt ihr nicht, spricht Gott, bei mir Erkundigung einziehen, das müßt ihr in Israel erfahren, wann diese den Gerichtstag sich bestimmen, dann und zu keiner andern Zeit wird er auch hier abgehalten. Damit wurde von den Alten schon angedeutet, was auch später der deutsche Philosoph aussprach, daß die Zeit etwas Leeres sei und nur von den Denkenden mit Inhalt erfüllt wird. Dieser Inhalt in kleine oder größere Teile zusammengefaßt, kann wieder Anregung zu neuen Gedanken oder Handlungen in der Zeit geben. Trotzdem kann man sich eines gewissen Gefühls nicht erwehren, als ob etwas mehr in gewissen Zahlen der Zeit und der Jahre läge, wenn es sich bei der Betrachtung, um öfter wiederkehrende geschichtliche Ereignisse handelt. Liest man in der Geschichte die Jahreszahlen: 1096 und denkt an die gewaltige Bewegung der Kreuzzüge und deren nachhaltige umgestaltende Wirkung auf Europa; 1492 die Entdeckung Amerikas und deren Rückwirkung auf die alte Welt; endlich 1792 die französische Revolution, welche nicht nur Frankreich, sondern allen Staaten Europas eine bisher ungekannte Freiheit und Auffassung der Menschenrechte gebracht, so läßt sich doch nur schwer an ein bloßes Spiel des Zufalls hier denken, viel eher wird man auf den Gedanken gelenkt, daß I« tin äs siede, die Schwelle des Jahrhunderts, doch nicht so ganz ohne sei und maches veranlaßt hat, was sonst vielleicht ungeschehen geblieben oder erst später zur That geworden wäre. Noch nachdenklicher müßten wir Israeliten werden, ja gegen den Willen und die bessere Einsicht in eine abergläubische Zahlenmystik uns verlieren, wenn wir in unserer eigenen Geschichte Zahlen zusammenzustellen beginnen. Wir müßten geradezu zum Schluffe gelangen: Das Ende des Jahrhunderts war jedesmal unglückbringend für die Israeliten. Sehen wir ab vom ersten Jahrhundert der üblichen Zeitrechnung, vom Jahre 70 der Zerstörung Jerusalems und der unglückseligen Scheinselbständigkeit, welche die Römer dem damaligen Judäa bisher gestatteten, und nunmehr für