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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1893-08-01 · Heft 8 (1.8.1893) · p. Seite 187

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 8 (1.8.1893)
Date
1893-08-01
Page
Seite 187 (sequence 19)
Language
German
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187 unwahr und ungerecht — den wahren Kern in den ungeheuerlichen Uebertreibungen erkannten und erkennen sie leider nicht; — sie sahen die ganze Bewegung als eine von Gott geschickte Plage an, die man geduldig ertragen müsse und die schon wieder verschwinden werde, und lebten daher im alten Schlendrian ruhig weiter. Wir harren noch des Dichters, der uns mit lebendiger Kraft die Gefühle schildert, welche die antisemitische Bewegung gerade in den Herzen der Juden weckte, deren Herz und Geist fest in dem Boden des Landes wurzeln, in dem sie ausgewachsen, dessen Kunst und Litteratur sie mit ihren für alles Gute und Schöne so empfänglichen Herzen tief in sich ausgenommen haben, die alles, was zu des Vaterlandes Wohl beiträgt, fördern möchten, oh, sie litten und leiden furchtbar durch den Antisemitismus. Mit Hohn und herben Worten sehen sie sich mitleidslos überall zurückgestoßen, nur weil sie Juden sind; jedes hehre Gefühl, jeden hohen Gedanken spricht man ihnen um des willen ab, weil manch' einer, der auch „Jude" genannt wird, unschöne Charaktereigenschaften zeigt. Wahrlich tragisch ist dieser schier verzweifelte Kampf, den der tief und edel empfindende Jude immer und immer wieder um Anerkennung seiner Menschenwürde und Menschenrechte führen muß, während die Masse des jüdischen Pöbels die antisemitische Bewegung meist nur materiell verspürt, da sie das? schwere Brotverdienen nur noch schwerer macht. Erbitterung und Verzweiflung erfaßte sie, die geistig-vornehmen Juden, die in ihrem ganzen Fühlen und Denken Deutsche sind, die Juden nur darum sich noch nannten, weil sie noch der jüdischen Konfession angehören. Sie billigten ja keineswegs die Sünden, die ein Teil ihrer Glaubensgenossen beging, wegen denen sie soviel zu leiden hatten und das Judentum als solches so viele Anfechtungen erdulden mußte- Es entwickelte sich daher allmählich, ein gegen alle, die jene viel getadelten sog. semitischen Stammfehler zeigten, ein erbitterter Haß, der umso heftiger meist emporflammte, je besser der Betreffende es mit dem Teile der deutschen Staatsbürger, die jüdischen Glaubens sind, meinte, gerade weil die Gesammtheit dieser durch das Verschulden einiger weniger, minderwertiger Gesellen in so furchtbarer Weise angegriffen und bekämpft wurde- So enstand im Judentum eine tiefgehende Spaltung, die immer mehr sich erweitert, da das eigentlich Verbindende: der gemeinsame Glaube, dem weitaus größten Teile der gebildeten Juden im Laufe der Zeit ganz abhanden gekommen ist; sie scheinen nur noch „Juden" zu sein. Denn in ihren Kreisen hat der Atheismus infolge des mangelhaften Religionsunterrichtes, der vielfach veralteten Kultuseinrichtungen am raschesten Boden gewonnen. Ha! wie zürnen sie diesen „Juden", wie verachten sie dieselben; aber doch hält ein pietätvolles Mitleid mit denen, die vom gleichen wilden Haße zu leiden haben, sie vom letzten Schritt zurück: dem Austritt aus der israelitischen Religionsgemeinde und wäre nicht der gemeinsame Feind, der alles, was auch nur im entferntesten semitische Abkunft vermuten läßt, bekämpft und zu vernichten bestrebt ist, dem gegenüber also gemeinsame Abwehr geboten erscheint, unaufhaltsam würde sich diese Trennung vollziehen. Begreifen können wir so das Entstehen eines jüdischen Antisemitismus und daher in einem gewissen Sinne auch entschuldigen; ihn rechtfertigen können wir aber nicht. Wir müssen daher alle Kräfte daran setzen, dieser doch immerhin sehr traurigen Erscheinung den Nährboden zu entziehen; und das dazu wirksamste Mittel ist geistige und sittliche Hebung der Massen.

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