Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1893)
- Date
- 1893-08-01
- Page
- Seite 186 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2969669-2969795-2969804--3932-2973491- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
186 Juden. Denn die Hoffnungen, die nian auf ihre „Emancipation" gesetzt, sie fanden sich ja nach kaum(!) 10 Jahren noch nicht verwirklicht; die Wunden, die mehr denn ein Jahrtausend geschlagen, sie wollten in einem Jahrzehnt(l) nicht heilen, und weil mancher Jude die kaum gewonnene Freiheit nicht recht zu benutzen verstand, weil die Juden, denen von der Gesetzgebung einer früheren Zeit der Handel als ausschließliche Domäne zur Gewinnung ihres Lebensunterhaltes zugewiesen worden war, gemäß ihrer großen Sparsamkeit nun über Geldmittel verfügten, die so die wirtschaftliche Lage Anfangs der siebziger Jahre nützen konnten und auch durch Fleiß und Vorsicht das Gewonnene zu erhalten und zu vermehren verstanden, als die Verhältnisse allgemein ungünstige wurden — deshalb kommt alles Unglück unserer Zeit von ihnen her. Ha! Wahrlich, eine zwingende Logik für jeden „Denkenden" (und die Deutschen sind ja das „Volk der Denker"), sofort einleuchtend in einer Zeit der größten socialen Gegensätze, wo auf allen Gebieten das Alte in Trümmer zu sinken beginnt, wo man jedoch das, was an seine Stelle treten soll, noch nicht klar erkannt, in einer Zeit des „Versuchens", in der man allgemein in einem niehr oder minder dichten Dunkel umhertappt, sich und seinem Nachbar aber von der gewaltigen Entwicklung der Dinge, von der Erleuchtung der Geister von heutzutage vörfaselt, und mächtig darauf stolz ist. Und doch.brechen wir hier lieber ab! Wie bequem waren da die Juden; alle Schuld konnte man ihnen wieder aufbürden; seit Jahrhunderten waren sie ja daran gewöhnt, und dann, sie sind ja auch so geduldig!- Der Antisemitismus ist eigentlich nur der Rückschlag gegen das rasche Ueberhandnehmen des Kapitalismus in unserer Zeit, der sich im Judentum besonders verkörpern soll. Dies ist sein Ausgangspunkt, der von seinen Vätern vielleicht nicht klar erkannt, aber doch geahnt worden ist. Die antisemitische Bewegung ging aber weiter, und heute ist nichts ungeheuerlich, nichts sinnlos genug, was gegen die Juden vorgebracht wird, das in den verhetzten Massen nicht gern und kritiklos Glauben findet. Es ist dies alles ja bekannt und schon öfters gesagt worden, aber es mußte hier erwähnt werden, um eine Grundlage für unsere späteren Ausführungen zu gewinnen. Die Juden werden dafür verantworlich gemacht, was ein Jude gethan oder unterlassen hat; alle Beschuldigungen, die im Einzelfalle wohl berechtigt sind, ebgehen gegen die Juden: alles wird aus Tücke oder Unvernunft in einen Topf geworfen. Verblüfft standen Anfangs die Juden da unter den Keulenschlägen, die ein blindes Vorurteil hageldicht auf sie hernieder sausen ließ; aber als die Feindschaft immer mehr wuchs, als immer heftigere Angriffe auf die Juden erfolgten, da begannen — naturgemäß — die geistig vorgeschrittenen unter ihnen nach deren Griinden zu forschen, und je mehr man nun die Vorwürfe der Antisemiten objektiv prüfte, zeigte es sich, daß gar mancher derselben berechtigt war. Hand in Hand mit dieser Wahrnehmung ging das Bestreben, die gerügten Fehler abzulegen, dies gelang denen, die sich zu dieser Erkenntnis durchgerungen, auch infolge ihrer größeren Bildung ziemlich leicht; aber der große Haufe der Juden, und besonders die auf dem Lande wohnenden, denen höhere, geistige Interessen fehlten, die in einer gewissen Unbildung und Abgeschlossenheit infolge so mancher mittelalterlichen religiösen Institutionen verharrten, sie schimpften nur auf die bösen Antisemiten und fanden alle die erhobenen Anklagen vollständig