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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1893-08-01 · Heft 8 (1.8.1893) · p. Seite 185

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 8 (1.8.1893)
Date
1893-08-01
Page
Seite 185 (sequence 17)
Language
German
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185 Jüdischer Antisemitismus. Eine Studie von Dr. L. SB., Frankfurt a. M. Sie klingt wohl sehr paradox diese Ueberschrift, und sie mag bei manchem Leser ein ungläubigspöttisches Lächeln Hervorrufen. — „Jüdischer Antisemitismus"! Ist es nicht ein Widerspruch in sich? Ggentlich ja; und doch wieder nicht, wenn wir näher zusehen, was das gewählte Schlagwort sagen will, nämlich: es existiert dasjenige, was wir mit „Antisemitismus" bezeichnen, auch bei Juden. Eine auffallende, merkwürdige Thatsache; dem Psychologen hoch interessant und leicht erklärlich. Freilich hört man in der Oeffentlichkeit fast nie etwas davon; den Mut hat selten einer, die nackte Wahrheit zu sagen: „auch ich, der Jude, bin Judenhasser, stehe auf dem gleichen Standpunkt wie die Bökel, Stöcker, Pickenbach; ja ich gehe in manchen Dingen noch weiter wie diese!" Nur im vertrauten Gespräche mit Gleich-oder Aehnlichgesinnten werden solche Worte laut, und gerade in den Kreisen der wirklich gebildeten, nicht orthodoxen Juden sind diese Ideen verbreitet, und leider in ausgedehnterem Maße als man denken sollte. Warum? Wie so? wird man fragen; in den folgenden Zeilen soll versucht werden, eine erklärende Antwort zu geben. Man muß die Eigenart des Feindes kennen, um ihn erfolgreich zu bekämpfen. Zweck und Absicht dieser „Studie" ist es nicht, diesen eigentümlichen Zug unserer Zeit genau zu analysieren; nur das Hauptsächlichste soll beleuchtet, eine Erklärung desselben versucht werden. Am 3. Juli 1869 wurde vom Gesetzgeber des Norddeutschen Bundes die Gleichberechtigung aller Konfessionen verkündet und dieselbe bei Begründung des deutschen Reiches dann auf dessen ganzes Gebiet ausgedehnt; vor allem kam sie uns Juden zu Gute. Wir waren nun endlich auch vor dem Gesetze denen gleich, mit welchem wir schon Jahrhunderte lang An Land bewohnten, dessen Schicksal wir mit ihnen in Freud und Leid teilten; erst dadurch wurden wir in Wirklichkeit deutsche Staatsbürger. Als so die rechtlichen Schranken gefallen waren, die das Mittelalter für uns aufgerichtet, der alte Bann von uns genommen war, mit welcher Begeisterung suchten da die Besten der deutschen Juden ihr Bestes dankbar dem Vaterlande zu weihen; sie gingen ganz darin auf, seinen Interessen allenthalben zu dienen, immer tiefer nahmen sie deutsche Kultur in sich auf, verarbeiteten sie, machten mehr noch als zuvor deutsche Bildung sich zu eigen. Die lange Unterdrückten und Verachteten waren „Gleichberechtigt"; allein wie mancher Jude mag damals in bitterer Erinnerung an vergangene Zeiten geseufzt haben: „die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube". Die jahrhunderte lange Knechtschaft hatte einen großen Teil der Juden der nötigen geistigen und körperlichen Elastizität beraubt, um alsbald ein neues Leben beginnen, und ihre Kinder sofort im Geiste der neuen Zeit erziehen zu können; sie behielten ihre alte, einstens ihnen aufgezwungene und nun gewohnte Lebensführung bei. — Sind wir Juden doch auch nur Menschen! Die siebziger Jahre brachten für kurze Weile einen rapiden wirtschaftlichen Aufschwung, dem eine noch heute andauernde, Periode des wirtschaftlichen Niederganges folgte. Dafür und noch für manches andere Unangenehme, das die Zeitläufte brachten, mußte ein Sündenbock gesucht werden; er fand sich in den

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