Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1893)
- Date
- 1893-08-01
- Page
- Seite 177 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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177 Gerechtigkeit zu fordern, durch eine fortreißende Fülle seiner eigenen originellen Ideen, und die Bedeutung seiner eigenen Persönlichkeit die Morgenröthe einer schönern Zukunft herbeizuführen. „Ich will sammeln und vereinigen," sagt er, „ihre (d. h. der anderen Schriftsteller) Gedanken und werde cs wagen die mehlige» hinzuzufügen, glücklich, wenn es mir gelingen sollte, den Leser zur Beseitigung jener Vorurteile zu veranlassen, um derentwegen sogar Apostel der Toleranz an ihre Pflichten und Grundsätze vergessen, sobald es sich nur um diese unglückliche Masse handelt"1#). Er schildert die Leiden, die Rechts- und Schutzlosigkeit der Juden in alle» Ländern, die großen Steuern und Abgaben, die sie leisten müssen, wie sie nur in gewisse» Städten in einer bestimmten Anzahl wohnen können, wie jedes Kind den Ertrag des Tributes nur erhöht, so daß sogar der Elternliebe Schranken gesetzt sind, und sie deshalb ihre Kinder in die weite Ferne schicken müssen. Dabei sind ihnen alle Erwerbsquellen verschlossen, alle Berufe unzugänglich. Jede Zunft würde sich entehrt glauben, wenn sie einen Juden aufnehmen würde. Mirabean wirft nun einen kurzen historischen Rückblick auf die Vergangenheit der Juden seit ihrer Zerstreuung unter den europäischen Nationen- Bei den Römern gelang es ihnen durch ihre Staatstreue und besondere Verdienste sich eine geachtete Stellung, hohe Aemter und Würden zu erobern. Sic hatten ihre eigenen Richter (ethnarchae inajores) mit dem Titel viri clarissimi, illustrissimi und eigene Gesetze, nicht nur für Religions-, sondern auch für Rechtsstreitigkeiten. Die Zerstörung des römischen Reiches brachte eine Reaction. Es traten an seine Stelle die Wisigothe», die grausame Gesetze erließen in der Absicht, diese verwünschte Secte (detestanda sect-a Lex Visig LV1I. Tit. 2 und 3) zu vernichten. Im Mittelalter wanderten sie ruh- und rastlos von einen Orte zum andern, gejagt, gequält, gemartert, in Frankreich, Holland, Deutschland und England, nachdem ihnen jedoch die Fürsten zuvor die Taschen um ein Erhebliches erleichterten. Und doch waren sie treue Unterthanen, gehorsame Diener, zufrieden, wenn man ihnen nur die Ausübung des Glaubens, wenn auch im dumpfen Ghetto, gestattete. u) Mirabean lobt den Familien- und Wolthütigkeits-Sinn der Juden, ihre Sparsamkeit, Mäßigkeit, Beharrlichkeit, Langmut, Umsicht, Achtung vor den Landes-Gesetzen, er hebt besonders hervor, daß seit zwei Jahrhunderten an keinem Juden eine Todesstrafe vollstreckt wurde, wodurch sie den« Staate, zu dessen Aufgaben es ja gehört, eine fortschreitende Zunahme der Bevölkerung zu bewirken, und der deshalb auch die Einwanderung befördert, viel nützlicher werden können, als jene Ansiedler, die aus allerhand verdächtigem, auswärtigem Gesindel sich recrutiren.12). Mit seltener Geistesschärfe, Gedrungenheit des Stiles, Klarheit der Ideen, scharfer Logik und durchdrungen von höherer Weltanschauung legt Mirabeau seine Lanze ein für Juden, die Heimatlosen, für die er ein Vaterland, eine eigene Scholle, mit allen Rechten und Pflichten voller Staatsbürger, fordert. Nicht gewohnt Halbes zu leisten, verlangt er im Gegensätze z» Dohm li!) die Zulassung der Juden ,0) Das. S. 58. ") Das. S. 66. fg. ‘-) Das. S. 82 fg. “) Dohm: Ueber die bürgert. Verbesserung der Jude» S. 126; deshalb glaubte auch Dietz, einer der besten Freunde Dohms, späterer preußischer Gesandte am türkischen Hose, daß dieser zu wenig sür die Juden verlangt hätte. Vgl. Grätz: Geschichte der Juden. B. 11 ©• 76.