Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1893)
- Date
- 1893-08-01
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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176 Die Biographie Mendelssohns leitet Mirabeau folgenderweise ein: „Ein „Mann, den das Schicksal in die Mitte einer erniedrigten Umgebung geschleudert, „der ohne jeden Schein des Glückes geboren, von schwächlicher, körperlicher Con- „stitution, furchtsamen Characters, sein ganzes Leben an beinahe mechanische Beschäftigung gekettet, erhob er sich in die Reihe der ersten Schriftsteller, die je „Deutschland gezeugt. Einer der Ersten, wenn nicht der Erste, gab er Klarheit, „Feinheit, Anmut, Klang einer Sprache, die nicht die seine war. Bedeutender „durch seine Tugenden, als durch seine Fähigkeiten, beeinflußte er sein ganzes „Volk und bis zu einem gewissen Punkte auch das Land, durch seinen tiefen Geist „und seine reine Lebensführung. „Ich wünschte, daß man in Frankreich besser Mendelssohn kenne, diesen „außerordentlichen Schriftsteller, der für sein Volk so viel geleistet. Ich möchte „Jene auf ihn Hinweisen, die noch Herz und Gefühl für das menschliche Geschlecht „haben, und nicht von jenen Vorurteilen befangen sind, die uns zu einem großen „Mißbrauch der socialen Gewalt gegenüber den Juden treiben, indem wir uns „vorstellen, daß diese weder moralisch schätzenswert, noch politisch nützlich sein „könnten."7 8) Nachdem Mirabeau uns die Jugend Mendelssohns, das Verhältnis zu Israel Moses Z a m o s c, zu Dr. Aron Solomon G u m p e r tz und den Frcundschaftsbund mit Lessing dargestellt, schreitet er an die einzelnen Werke, wovon er besonders „Phaedon" und „Jerusalem" hervorhebt. Im ersten lobt er die scharfe Dialectik, den großen Schatz von Ideen, in denen man den wahren Socrates erkennt, im zweiten den warmen Ton, milden Hauch, die Ideen der Unabhängigkeit der Kirche vom Staate, der Gedanken- und Gewissens-Freiheit. *) Er ist förmlich begeistert für Mendelssohn, und weiß in allen seinen Lebensbeziehungen die schönsten Seiten zu erfassen, im Familienleben, als Philosoph, Freund und als ein um das Wohl seines Volkes bestrebter Jude. „Möge der Ruhm dieses Mannes, verstummen lassen alle Jene, die voll unerhörter Wuth sich erkühnen zu behaupten, man könne aus den Juden keine schätzenswerte Classe von Bürgern heranbilden."9) IV. Mirabeau wußte, daß er in seinem Werke über die politische Reform der Juden nicht viel Neues zu sagen hat. Dohm's Werk, die zahlreichen Gegenschriften, die leidenschaftlichen Debatten im englischen Parlamente anläßlich der Emancipations-Bill vom I. 1763 hatten das Thema der sittlichen und politischen Reife der Juden zur Gleichberechtigung beinahe erschöpft. Doch für einen glühenden Verfechter der Menschenrechte, einen vorurteilslosen Vorkämpfer der Gedanken-, Gewissens- und Glaubens-Freiheit war noch ein großes Feld vorhanden, um im starren, verknöcherten Feudal-System diesen Postulaten einen stets empfänglicheren Boden zu bereiten, durch Hinweis auf die Geschichte, diese Lehrmeisterin des Lebens, für ein geknechtetes und geächtetes Volk 7) Mirabeau: Sur Mendelssohn S. 1 fg. 8) Nebenbei sei bemerkt, daß auch Kant in einem Briefe an Mendelssohn seine Bewunderung über dieses Werk ausdrückt und betont, „daß er der jüdischen Religion eine solche Gewissensfreiheit gar nicht zugetraut hätte." (Kant's sämmtliche Werke ed. Rosenkranz 11 T. I. Abschnitt S. 16). 9) Mirabeau, Sur Mendelssohn S. 57.