Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1893)
- Date
- 1893-08-01
- Page
- Seite 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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174 Zu diesen Bedrückten, rechtlich und politisch Enterbten, gehörten in erster Linie die Juden. Die Mitglieder der Etats genöraux und der National-Versammlung, wenn sie auch den Mund voller Phrasen über die Heiligkeit und Unantastbarkeit der angeborenen Menschen-Rechte hatten, gegenüber den Inden hatten die Meisten auf ihre Vorurteile noch nicht verzichtet. In der Sitzung vom 23. August 178!» kam zum ersten Mal die Frage der Jnden-Emancipation auf die Tagesordnung. Doch nicht so schnell sollte sie erledigt werden. Eine fortwährende Vertagung, die entweder vom Abbe Maury, oder dem Fürsten Broglie, oder gar dem famosen Ultra-Revolutionär Reubell beantragt wurde, war eine lange Zeit der Ausdruck der eigentlichen, innern Gesinnung der Mehrzahl dieser Volksvertreter. II. Bevor jedoch der Keim der Enchklopädisten-Schule noch in Gährung überging und der Sturm der Bastille den Anfang einer neuen Epoche bedeuten sollte, kam Mirabeau in einer geheimen politischen Mission nach Berlin. Es war dies gerade nach dem Tode Mendelssoh n's und so hatte Mirabeau nicht mehr Gelegenheit diesen Philosophen, für den er so schwärmte, kennen zu lernen. Er schloß nun Bekanntschaft mit Dohm, dessen Werk „Ueber die bürgerliche Verbesserung der Juden", verfaßt im Jahr 1781, einen tiefen Eindruck auf ihn ausgeübt hatte, mit Nicolai, und dem Freunde Dohm's, dem Major Mavillon, an welch' letzteren er sich besonders eng anschloß.:i) Die Berliner Gesellschaft gefiel Mirabeau sehr gut, war er ja doch geistig schon längst einer der ihrigen. Er verkehrte hier in den Salons der „tragischen Muse" Berlins, der schönen und geistreichen Henriette Herz, wo sich die gesammte geistige Elite, darunter Schleiermacher, die beiden Brüder von Humboldt, Friedrich von Schlegel, der Erzieher des Kronprinzen Friedrich Wilhelm III. Engel, versammelte, und nahm mehrere Mal Audienz beim König Friedrich II. den er stets durch seine freimütige Offenheit ins Staunen versetzte. Diese Offenheit verbunden mit einem unersättlichen Wissensdrauge wurden ihm sogar von vielen zum Vorwurfe gemacht. Selbst Dohm mied ihn später, „seine fast unwiderstehliche Zutraulichkeit fürchtend" ^). Sonst aber weiß Dohm an Mirabeau vieles zu rühmen. „Die Kunst zu fragen," sagt er „verstand er in einem Grade, voll dem es schwer ist, dem einen Begriff zu geben, der seinen Unterredungen nicht beigewohnt hat."^) Bald nach seiner Ankunft in Berlin veröffentlichte Mirabeau eine Schrift gegen Lavater. „Lettre de Comte de Mirabeau’s ä M. . . sur M. M. Cagliostro et Lavater, ä Heidin che/ F. de la Garde 178ii“. Ter Hauptangriff richtete sich gegen Lavater, und der Titel zeigt, in welche Gesellschaft der Verfasser denselben verweist. Das Sonderbarste ist, daß sich Mirabeau noch mit der Brandmarkung der Schwindeleien Cagliostro's zurückhält, aber Lavater selbst muß recht herbe Worte hören. „Dieser Lavater, der im eisigen Norden (?) die heiße Phantasie des Südens besitzt, dies wunderbare Gemisch von Gelehrsamkeit und Unwissenheit, von Aberglauben und Gottlosigkeit, von Geist und Wahnsinn, Frömmler und Zauberer, Weltmann und Rigorist, wollüstig und mystisch, intriguant und s) Alfred Stern a. a. O. S. 200. 4) Gronau: von Dohm, S. 126. 5) Dohm über Mirabeau vgl. Akademische Blätter 1, 13. 14.