Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1893)
- Date
- 1893-08-01
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Tiefsinn hat Humboldt das Wesen des Sprachprocesses ergründet und die Wechselbeziehung aufgedeckt zwischen Sprechen und Denken, zwischen der Sprache eines Volkes und seinem Geistesleben. Wie die Sprache eines Volkes dessen geistige Individualität am vollkommensten zum Ausdruck bringe, so wirke sie ihrerseits, führte Hnmbold ans, gestaltend und schaffend auf sein Geistesleben zurück, und was von dem Verhältnis jedes einzelnen Volkes zu seiner Sprache gilt, das gilt ebenso von dem Verhältnis der gesammten Menschheit zur Sprache im Allgemeinen. Seine sprachphilosophischen Ideen legte Humboldt in einer Reihe von Einzel-Schriften nieder, von denen Georg von der Gabelentz mit Recht sagt: „Sie sind leider meist weniger klar als tief, beurteilen mehr als sie lehren und setzen Kenntnisse voraus, die schon aus äußeren Gründen den Wenigsten erreichbar sind. Humboldt verehren, bewundern wird Jeder, der seine Schriften liest. Mancher bewundert ihn auch ohne dies; — ihm n a ch st r e b e n werden immer nur Wenige"^ Zu diesen We n i g e u gehört neben August Friedrich Pott, ganz besonders H. S t e i n t h a l! Während jedoch Pott, der ältere Zeitgenosse und Freund Steinthals sich darauf beschränkte, unter dem Gesichtspunkte, unter welchem Humboldt einzelne Sprachkategorieen in Rücksicht auf ihren Bau durch die Sprachenwelt hindurch verfolgte und beschrieb, die Eigentümlichkeiten der Begriffsbezeichnung und Namengebung zu erforschen und darzustellen, war es Steinthal Vorbehalten, die höheren von Humboldt aufgestellten sprachphilosophischen Probleme mit einem Humboldt wahrhaft congenialem Geiste zu erfassen und ihrer Lösung entgegenzuführen, vor Allem aber die Humboldt'sche Idee, daß die Sprache eines Volkes gleichsam dessen Weltanschauung und Logik darstelle, zur Wissenschaft einer Völkerpsychologie auszugestalten. Nicht minder Bedeutendes jedoch leistete Steinthal in der Erforschung und Charakteristik des Baues der Sprachkategorien und der Sprachtypen. Schon seine Erstlingsschrift Da pronomine relativo, commentatio philosophico-philologica 1847 stellt sich den bezüglichen Arbeiten Humboldts und Potts würdig zur Seite. Vollends aber gehört die zweite Bearbeitung seiner „Classification der Sprache" (1850), die unter dem Titel „Charakteristik der hauptsächlichsten Typen des Sprachbaues" erschien, nach dem übereinstimmenden Urteil hervorragender Fachgenossen zu dem Bedeutend st en, was die Deutschen auf dem Gebiete der Sprachwissenschaft geleistet haben. „Es lehrt die Kunst der Sprachschild e r u n g, wie nieines Wissens kein zweites Werk unserer Litteratur" urteilt von diesem Buche Steinthals Georg von der Gabelentz (Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft IX, S. 374). Wie schwierig aber diese Kunst ist, können wir einer Aeußerung W. v. H u m b o l d t s entnehmen. Er schreibt 1795 an Schiller: „Ich gehe lange darauf aus, um die Kategorieen zu finden, unter welche man die Eigentümlichkeiten einer Sprache bringen könnte, um die Art aufzusuchen, einen bestimmten Charakter irgend einer Sprache zu schildern. Aber noch will °) G. v. Gabelentz, die Sprachwissenschaft ihre Aufgaben, Methoden und bisherigen Ergebnisse. Lpz. 1891, S. 28.