Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1893)
- Date
- 1893-07-01
- Page
- Seite 155 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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155 Das, m. H-, scheint mir reiner, unzweideutiger Humor, wie ihn nur ein ans Not und Druck befreites Gemüt hervorzubringen vermag. Und die an den Purim sich knüpfende humoristische Litteratur zählt nach 100"" und 1000"" von Schriften, die der anerkannt größte Bibliograph unserer Zeit, Dr. M. Steinschneider in Berlin, in der in Amsterdam erschienenen Zeitschrift „Israelitische Letterbode" (Jahrg. VII und IX p. 1—13 resp. 45 — 58) zusammengestellt hat. Schönaus den Titeln dieser Werke blickt der schalkhafte Humor durch. So z. B. heißt die Hagada für Purim „hagada leleil schikkurim’’ statt der für das Peßachfest üblichen Hagada „leleil schimurim.” Wir besitzen nicht nur eine humoristische Liturgie, einen humoristischen Tractat, dem Talmud nachgeahmt, sondern auch Rechtsgutachten humoristischer Natur. Diese Litteratur reicht in die Anfänge des Mittelalters zurück und wird alljährlich noch vermehrt. Aber nicht nur an Purim allein, sondern immer, wo die Gelegenheit sich bietet, kommt in der jüdischen Litteratur der Humor zu seinem Rechte. Denn Bibel, Talmud, Midrasch und Hagada, sie blieben vorbildlich für das Judentum des Mittelalters und der Neuzeit und mittelbar für die gesamte civilisierte Welt, die nur im Optimismus, denn ein solcher allein ermöglicht wahren Fortschritt, zu suchen und zu finden ist. Hervorgehoben seien hier Jehuda Halevi, Al Charisi, der Verfasser des Tachkemoni und Salomo aus Rom, der Freund Dante Alighieris. Doch, m- H., ich will ihre Geduld nicht länger auf die Probe stellen und zum Schlüsse zwei Proben des Humors von einem Manne bringen, der aus Blattau in Böhmen stammend, hier in Prag gelebt und gewirkt hat und der nebst seiner Gelehrsamkeit mit Recht den Ruf eines Humoristen hat erlangt. Es ist dies der verewigte Wolf Mayer,") ein Freund und Gönner meines Schwiegervaters Joseph Meiste, Oberrabbiner in Waag-Neustadtl in Ungarn.' Als Wolf Mayer das 40. Lebensjahr erreicht hatte, schrieb er ein hebräisches Gedicht, das mit dem Satze schloß: „Viel sind der Jahre meines Lebens, zu viel, als daß ihre noch mehr sein sollten. Mit vierzig hast du mich geschlagen, ach, füge nun nichts mehr hinzu!" Das humoristische dieses Stoßseufzers wird uns erst dann klar, wenn wir wissen, daß nach biblischer Anschauung die Prügelstrafe nur bis 40 reichen durfte, >vie ans denr 5. Buche Mosis Cap. 25. V. 3 zu ersehen ist. Es erinnert dies uns unwillkürlich an den Humoristen Jonathan Swift, der bei gleichem Anläße sich der Worte Job's (Cap. 3*) bediente: „O, daß der Tag zu Grunde gegangen wäre, an dem ich hätte geboren werden sollen und die Nacht, in der man sprach: Sie ist eines Knaben entbunden worden." Trotzdem erreichte Wolf Mayer das fünfzigste Lebensjahr und abermals hauchte er seinen Schmerz in die Worte aus: „Es naht das Jahr der Erlösung, das 50. Jahr, ach laß mich nun frei, o Ewiger, der in den Höhen thronet!" Es ist dies abermals eine Anspielung auf das 50. Jahr, das nach biblischer Anschauung bekanntlich ein allgemeines Freiheits- und Freudenjahr, ein Jubeljahr war. In einem Briefe an meinen Schwiegervater schreibt er u. A.: „Die Nacht vor Neujahr machte mir Madame Cholera, oder doch wenigstens eine nahe Freundin von ihr einen Besuch und umarmte mich etwas unsanft. Freilich, als es Tag wurde und die Schöne mich bei Tag betrachtete, verließ sie mich, aber die Schäferstunde kam mich etwas teuer zu stehen." ") Ueber Wolf Mayer vgl. meine Monographie in Jakob W. Pascheles Bolkskalender für das Jahr 1894 (5654).