Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1893)
- Date
- 1893-06-01
- Page
- Seite 143 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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143 gefunden worden, muß die Frage nach der Tendenz des Buches desto ernsthafter gelost werden. Die schon von Philippen angedentete Ansicht, daß es sich hier nin eine Satyre handelt, wird von ilnserem Verfasser tiefer begründet. Es handelt sich dcninach hier um eine Satyre, oder besser gesagt um ein Pasquill gegen den großen Trauer - Propheten Jeremia, der das Bild des zukünftigen Israels in so schauerhaft düster» Farben geschildert hat. Es ist Zweck des Buches und das Ziel des Verfassers, „in der dafür allein geeigneten Form darstellen, d. h. persiflieren, dem Spotte und Gelächter der Zeitgenossen preiszugeben" den Jeremia, der den Uebergang zu der feindlichen Macht, so innig und eindringlich gepredigt hat. Und weil er sich so zu sagen als Prophet der Heiden ausgegebe» hat, darum wird er eben durch den Jona Sohn des Amitai, einen früher lebenden doch ziemlich bekannten Propheten persifliert. Es ist der ausgesprochene Unglücksprophet, der überall und immer die Zerstörung der bestehenden Weltordnung will, und der nur im gänzlichen Untergang alles Bestehenden Erfolg haben kann, und darum wünscht er auch den Tod Ninivehs, indeß das Dahinwelken des Kickajjons ihn schmerzlich berührt. So schön und originell diese Annahme des Herrn Dr. Löwy ist, so entschieden liegt ihre 'ganze Schwäche und Unhaltbarkeit am Tage. Von einer Satyre muß doch in erster Reihe derjenige Kenntnis haben, gegen wen sie gerichtet ist, in diesem Falle also, Jeremia. Und wahrlich, Jeremia war nicht der Mann, der ein solches Spottgedicht ungeahndet gegen sich hätte losdrücken lassen, da er nie ein Blatt vor den Mund genommen hat. Es muß dies aber eine sonderbare Satyre sein, die blos nach mehr als 2000 Jahren als solche entdeckt, von den Zeitgenossen aber in nicht allzulanger Zeit, in den Kanon ausgenommen wird. Viel tiefer wäre die Wirkung eines solchen Pamphlets gewesen, als daß es bis zur Abschließung des Kanon hätte vergessen werden können. Es würde aber hier zu weitführen, sich auf alle, zumeist nur scheinbare Beweise einzulassen, die der Verfasser zur Erhärtung seiner Hypothese anführt. So ist z. B. die Annahme, daß der Ausdruck III. 8. „die Menschen und das Vieh" satyrisch gemeint wäre, sehr unwahrscheinlich, die Vergleichung desselben aber mit Heines Ausdruck in der Harzreise „die Bewohner ^Nöttingens werden eingeteilt in Studenten, Professoren, Philister und Vieh" ist nahezu naiv. Die einzige Gewißheit, die uns die Arbeit des Herrn Dr. Löwy bietet ist die, daß wir über dieses räthselhafte Buch noch immer nicht im klaren sind, daß aber die Frage nach dieser Richtung hin, nie gelöst werden kann ist sicherer, als die Ansicht, daß das Buch Jona das sei, was Herr Dr. Löwy darin finden will, nämlich eine Satyre gegen Jeremia. — Im Verlage von Gsrar Keiner in Leipzig erscheint: Graetz Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Aus den Quellen neu bearbeitet von Dr. H. Graetz weil. Prof, an der Universität Breslau. Es ist eigentlich überflüssig, empfehlende Worte über ein Buch zu schreiben, das man als eine der bedeutendsten Leistung auf dem Gebiete der jüdischen Litteratur in diesem Jahrhundert bezeichnen kann und das als ein mächtiger Factor in der religiösen, sittlichen und socialen Entwicklung des Judentums sich erwiesen hat. Als Graetz zum ersten Male mit einem Bande seines groß angelegten Werkes in die Oeffentlichkeit trat, wurde es als litterarisches Ereignis betrachtet, das in der ganzen gebildeten Welt Aufsehen erregte. Es ist ein unentbehrliches Buch, das besonders in unserer Zeit für jeden Gebildeten, der sich über das Judentum und über den Gang seiner Entwicklung unterrichten will, eine Fundgrube reicher Anregung und Belehrung enthält. Das Graetz'sche