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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1893-06-01 · Heft 6 (1.6.1893) · p. Seite 132

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 6 (1.6.1893)
Date
1893-06-01
Page
Seite 132 (sequence 12)
Language
German
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132 Wort der Bergpredigt gilt noch heute als Evangelium, als unumstößlich: der Jude haßt, der Christ liebt, liebt und segnet den, wie er meint, ihm fluchenden Juden! So klar, so durchsichtig sind die Quellen und die Absichten, tvelche den angeblichen Gegensatz jüdischer und christlicher Moral zur Weltlüge erhoben, mit ihr bereits das Kinderherz vergiften, durch die blutigsten Züge sich eingeprägt haben in die Geschichte. Je tiefer man eindringt in die Geschichte, in die Schriftsätze, in das Leben auf christlicher, wie auf jüdischer Seite, umsomehr wird man sich überzeugen, daß zwischen jüdischer und christlicher Sittenlehre, oder tvie man sich heute auszudrücken liebt: Ethik, kein Unterschied ist, weil eben die christliche vollständig auf der jüdischen anfgebaut ist. Nur in der Dreieinigkeit, der Gottheit Christi, der Erbsünde der Abhängigkeit von Christi Blut und Gnade, der Alleinseligmachung des Glaubens, unterscheidet sich Christentum von Judentum, nicht in der Moral. Die scheinbare Abschweifung auf den scheinbaren Gegensatz christlich und jüdisch führt auf de» Ausgangspunkt: den angeblichen Widerspruch zwischen deutsch und jüdisch insofern zurück, als man sich in neuerer Zeit gewöhnt und bestrebt hat, die Begriffe christlich und deutsch mit einander zu vermengen, als ob es nicht — ganz abgesehen vom verschiedenen geschichtlichen Ursprünge des Deutschtums und des Christentums — auch heute noch viele Deutsche gäbe, auch nichtjüdische, die vom Christentum in dem historischen Sinne des Wortes, nichts wissen wollen, ihm gründlich entfremdet sind, als ob nicht das Christentum in Deutschland, nicht blos durch Katholiken, Lutheraner und Reformirte, sondern auch durch theologische Schulen und Lehrbegriffe von der engsten, an die symbolischen Bücher sich anlehnende Auffassung bis zu dem freisten, — auf Strauß sich stützenden Standpunkt mannichfach geschieden wäre. Nur wenn es dem Judentum gegenüber gilt, da giebt es in den Augen der Voreingenommenen, der Ungebildeten und Unwissenden Ein Christentum. So wenig nun christlich und jüdisch Gegensätze, so wenig christlich und deutsch Uebereinstimmungen darstellen, ebensowenig herrscht ein Widerstreit zwischen deutsch und jüdisch. Und die entschiedene Mehrheit aller in Deutschland lebenden Gebildeten jüdischen Ursprungs, die deutsche Muttermilch eingesogen, die ausgewachsen sind in deutscher Bildung, Schulung und Gesittung, die in ihrer Kindheit mit christlichen Altersgenossen spielten und die Schule besuchten, ihre Jugendjahre mit gleichstrebenden Mitschülern, Kameraden, Commilitonen und Collegen christlicheil Bekentnisses im freundschaftlichem Verkehr und Verband verlebten, mit ihnen im Ernst des Unterrichts und im geselligen Umgang sich gegenseitig förderten, ihrer Pflicht gegen das Vaterland im Verein mit ihnen genügten, ihr Leben an ihrer Seite gleich ihnen dem Feinde gegenüber aufs Spiel setzten, sie allesamt bilden den lebendigsten Gegenbeweis gegen diese — vor zwei Jahrzehnten noch für undenkbar erachtete Ausschließlichkeit und Ausschließungslust. Damals, noch vor dem französischen Kriege, spottete man über den Chauvinismus der grantle nation, wie sie sich selbst nannte. Aber der Höhenwahn des Chauvinismus ist seitdem über die Vogesen herübergekommen. Und Schritt für Schritt, von Jahr zu Jahr, geht er in seinen eingebildeten Ansprüchen weiter, und nörgelt an den Juden herum, um sie herauszudrängen aus besoldeten und Ehren-Aemiern, aus Ehrenstellungen, aus dem Erwerbs- und Gewerbsleben, aus der Gesellschaft, aus den Universitäten, aus den Schulen. Schon wird's zum Parteischibolit erhoben, schon werden wir, deren Ahnen bereits in Deutschland lebten und litten,

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