Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1893)
- Date
- 1893-06-01
- Page
- Seite 131 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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131 nicht verloren sein, wenn es wahr ist, daß in dieser vergänglichen Welt nichts von Dauer ist, als der aufrichtige Wille und das ernste Bemühen, die Wahrheit zu verkünden und die Ankunft der Gerechtigkeit zu beschleunigen. In den Jahrbüchern der Geschichte des Jndeiitunis ist dem verewigten Professor Adolphe Franck ein ewiges dankbares Andenken gesichert. Deutsch und Jüdisch von Rechtsanwalt Emil L e h m a u n. i AOrticisuini statt Schluß.) Aber der Fehler dieser Gegenüberstellung liegt in der zwar sehr geschickten, jedoch völlig unlogischen Gegensätzlichkeit in der Bergpredigt. Sie hat den juristischen Satz oder Sinnspruch: Zahn um Zahn, der bildlich die noch Jahrtausende später aufrechterhalteue und gellende Strafrechtstheorie der Vergeltung veranschaulicht, einem ethischen Satze der Nachgiebigkeit gegenübergestellt, also mit völlig ungleichen Waffen die alte Schule bekämpft. Und daher aus dieser ganz verschiedenenen Stellung des alten Testaments, als gleichzeitigen Staats-, Civil- und Strafgesetzbuchs, die ungleiche, gehässige, das Judentum und die Juden verdächtigende Auffassung noch in unsren Tagen. Und wenn gar die Bergpredigt «Math. V. 43. 44) fortfährt: Ihr habt gehört, daß gesagt ist (d. h. das alte Testament lehre:) du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen, ich aber sage: liebet Eure Feinde, segnet die Euch fluchen, thut wohl denen die Euch hassen" — so ist das nicht nur eine Uebertreibung, sondern eine Entstellung. Im 3. B. M. 19, 18 heißt es: „liebe deinen Nächsten wie Dich selbst", es steht aber nicht dabei: hasse deinen Feind. Im Gegenteil. Als hätte der altbiblische Morallehrer den Mißbrauch vorgeahnt, den die Bergpredigt dereinst mit seinem Wort „Nächster" üben könne, indem er spitzfindig herauslese: liebe den Nächsten, d. h. hasse den Fernsten, den Feind — hat er, der altbiblische Lehrer, in demselben Kapitel v. 34 betont: „Wie der Eingeborne, so soll der Fremdling bei Euch sein, liebe ihn wie Dich selbst, denn Fremdlinge wart ihr in Egypten, ich bin Euer Gott." Hier sind alle Beweggründe der allgemeinen Menschenliebe schlagend zusammengefaßt: Gott: Aller Vater, eigne Erfahrung, wie weh dem „Fremdling" der Haß der „Eingebornen" thut. Und diese wunderbare, von Hillel, der zur Entstehungszeit der christlichen Religion lebte, als die Quintessenz, als Hauptgrundsatz des Judentums bezeichnete Lehre der Menschenliebe verwandelt die Bergpredigt in ihr Gegenteil, in Menschenhaß, in Feindeshaß, um ihre neue Weisheit: der Feindessegnung in das hellste Licht zu setzen! Und — obwohl man sich zu keiner Zeit dazu verstehen mochte weiter zu gehen, als schon das alte Testament anempfahl: feurige Kohlen aufs Haupt des Feindes zu legen, ihm Böses mit Guten zu vergelten, ihm wohlzuthun — das qu’il a tait ne perira pas, s’il est vrai qu’il n’est rien de plus durable eil not re liionde mobile, qu’un effort sincere pour dire la verite et pour hätcr la venue de la justice. Wir wollen hier noch den Schlußsatz des Tempos über Prof. Franck anführen.' Derselbe rührt von dem Nichtjuden Jules Simon her und lautet in wortgetreuer Uebersetzung: Er (Prof. Franck) predigte eine heilige Moral um den Glauben an die Pflicht die Unsterblichkeit der Seele. Er lehrte Liebe zur Menschheit, zum Vaterlande und zu Gott. Wenn mir die Aufgabe zufiele, an seinem Grabe zu sprechen, wurde ich nur dies sagen: Andere haben mehr Geräusch gemacht, Niemand aber hat mehr Gutes gestiftet.