Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1893)
- Date
- 1893-06-01
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 125 — aber werden leben und die Thaten Gottes verkünden nicht bloß mit den Lippen, nicht.bloß in Gesänge» und Jubelchören, nicht bloß im Gotteshause und in feierlicher Volksversammlung, nein, verkünden durch die That, durch die edle, menschenwürdige That, die von Trefflichkeit der Gesinnung, von Reinheit des Charakters, von Geradheit und Milde des Herzens zeugt. Denn nur so ist unser Texteswort zu verstehen, nur aus solchem Vorsatze schöpft der Sänger seine Zuversicht, nur so ist Israels Aufgabe richtig erfaßt und würdig gekennzeichnet. Darum höret nicht aus die, so euch überreden möchten, durch feige Flucht, durch Abtrünnigkeit und Verrat euch selbst und eure Kinder zu retten; ihnen ist es nicht um euren Seelenfrieden zu thun, sie schmeicheln nur eurer engherzigen, nackten Selbstsucht, sie suchen nur nach Gefolgschaft, um nicht vereinzeilt dazustehen, um selbst weniger verächtlich und verdammenswert zu erscheinen. Gebet auch denen kein Gehör, die euch den nichtswürdigen Rat erteilen, eure Gegner durch Heuchelei, durch politische Scheinheiligkeit zu entwaffnen, die von euch verlangen, daß ihr um eurer Selbsterhaltung willen eure wahren Gesinnungen verbergen, euch in den gleisnerischen Mantel der Liebedienerei hüllen, in einer politischen Tagesfrage euch nicht von eurer Ueberzeugung, nicht von der Rücksicht auf des Vaterlandes Wohlfahrt, sondern von dem kleinlichen Gesichtspunkte des augenblicklichen Vorteiles bestimmen lassen möget. Durch gesinnungsloses, zweideutiges Verhalten versöhnt man seine Widersacher niemals, verliert man nur die Ächtung und das Vertrauen seiner wahren Freunde, gräbt man das Erdreich ab, in welchem sein Lebensbaum wurzelt. Vermeidet es selbst, mit starker Betonung auf euere Vaterlandsliebe, auf euere Loyalität auf euere Verdienste um das Gesamtwohl hinzuweisen. Wahre echte Bürgertugend bedarf des Selbstlobes nicht, wird durch Selbstlob nur ihrer schönsten Zier, der Bescheidenheit, entkleidet, durch die sie am wohlthuendsten berührt. Handelt redlich, ehrenhaft und überzeugungstreu, zeiget euch überall als wahre echte Juden und wehret mannhaft und unerschrocken jeglichen Angriff ab, der gegen die jüdische Lehre, gegen die jüdische Sittlichkeit, gegen den jüdischen Stamm offen oder versteckt unternommen wird. Aber entsaget nimmermehr der Vorsicht, lasset euch von Leidenschaft, ja selbst von gerechter Empörung und Aufregung nicht so weit hinreißen, daß ihr das Gebot der Klugheit überhöret. Bedenket stets, daß ein einziges in der Uebereilung gesprochenes Wort, eine einzige unüberlegte That gar leicht unberechenbaren Schaden stiften und euren Widersachern eine willkommene Handhabe bieten kann, mit einem Scheine von Berechtigung eure Blöße aufzudecken, eure Schwächen und Thorheiten auszunntzen. Es genügt nimmermehr, sich der Reinheit seiner Absichten bewußt zu, sein, man muß sein Verhalten auch so einzurichten wissen, daß nicht unabsichtlich Nachteil für die Gesamtheit daraus entspringt. Gar leicht kann der so heftig entbrannte, häßliche Kampf noch widerwärtigere Formen annehmen, als er bis jetzt schon angenommen hat. Bewahret auch die Seelenruhe und das fromme Vertrauen. Wie eine physische Krankheit in der Regel erst daun zurückweicht, wenn sie ihren Höhepunkt erreicht und überschritten hat; wie eine völlige Gesundung erst eintreten kann, nachdem alle im Körper enthaltenen schädlichen Stoffe und Säfte ausgeschieden sind, also ist es auch mit den geistigen uiib sittlichen Krankheiten bestellt. Die Heftigkeit ihres Auftretens bürgt zumeist auch für den baldigen Beginn des Genesungsprozesses, während ein schleichendes Siechtum gemeiniglich diese Gewähr nicht bietet, sondern einer langsamen Auflösung entgegenführt.