Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1893-06-01 · Heft 6 (1.6.1893) · p. Seite 123

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 6 (1.6.1893)
Date
1893-06-01
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2969669-2969795-2969802--3867-2973424
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

123 der Daseinszweck der Gemeinde Jakobs nicht früher erfüllt sei, als bis die Verheißung ihre volle Verwirklichung gefunden habe: „Gott der Einig-Einzige, und die Menschheit ein einziger Bruderbund, unauflöslich verknüpft durch Gerechtigkeit und Liebe." Mag solch' erhabene Erkenntnis, die den Geist erleuchtet und das Gemüt veredelt, die Ausdauer fördert und den Leidensmut stärkt, in vollkommenster Ausprägung auch nur das Eigentum einiger weniger, besonders hervorragender Männer gewesen sein, die Gesammtheit des Judentums hat in sofern ihren Anteil daran, als sie sich der Leitung ihrer begeisterten Führer rückhaltlos überließ und auch ihrerseits, wenngleich nicht so rein, nicht so selbstlos und vorurteilsfrei von dem Glauben an ihren höheren Berns, von der unzerstörbaren Hoffnung auf eine günstige Wendung ihres Geschickes und den damit im innigsten Zusammenhänge stehenden Sieg des Guten und Wahren getragen wurde. „Ich sterbe nicht, nein, ich lebe und erzähle die Thaten Gottes" — so klang es von den Lippen der von unsäglichen Folterqualen Gepeinigten, so klang es aus den Flammen der Scheiterhaufen den Schergen der Tyrannen entgegen, und in dem felsenfesten Glauben an sich selbst und an die Trefflichkeit der von ihm gelehrten und vertretenen Grundsätze ruht in erster Reihe das Geheimnis der Erhaltung des Judentums. Es konnte nicht untergehen, es konnte nicht einmal zu sittlicher Erniedrigung herabsinken, weil ein hohes Ziel ihm winkte, an dessen endliche Erreichung es so felsenfest glaubte, wie an das gerechte und allweise Walten der Gottheit. Vielleicht aber ist es bloß Schwärmerei, Gefühlsüberschwänglichkeit und Selbsttäuschung gewesen, was unseren Vorfahren in Not und Drangsal die freudige Zuversicht und das fromme Vertrauen verlieh. — Fast scheint es so, als ob wir uns einer solchen Auffassung zuneigten, wenigstens steht unsere eigene Mutlosigkeit und unser immer mehr überhaudnehmender Pessimismus in so schroffem Gegensätze zu dem durch mehrtausendjährige Tradition in Israel heimisch gewordenen Verhalten, daß notwendig daS Eine oder das Andere auf ungesunder Grundlage ruhen muß, daß wir entweder unsere Väter, oder uns selbst als in thörichter Verblendung befangen und von Wahnvorstellungen beherrscht bezeichnen müssen. Oder haben sich die Verhältnisse etwa in der Weise geändert, daß naturgemäß auch eine veränderte Auffassung bei uns eintreten mußte? Ich sollte meinen: für die Bejahung dieser Frage fehlt jeder thatsüchliche Anlaß. Das Reich der Wahrheit, der Gerechtigkeit und Nächstenliebe ist, wie wir ja mit aufrichtigem Schmerze beklagen, noch nicht begründet, die. Heuchelei erhebt ihr Mednsenhaupt höher als je, die heiligsten Worte werden mißbraucht, um mit ihnen die unheiligsten Zwecke zu verfolgen und die niedrigsten Leidenschaften aufzuwühlen. Hat bei solcher Sachlage das Judentum noch eine Mission, oder nicht? Ist sein Daseinszweck erfüllt, oder ist nicht vielmehr sein Fortbestand von der höchsten Bedeutung für die geistige und sittliche Entwicklung der Menschen? 'Nun, einsichtsvolle Andersgläubige, die sich für die Wirksamkeit Israels, für das treue Festhalten an seiner Lehre das Verständnis bewahrt haben, sprechen es unumwunden aus: die Welt werde es den Bekennern der mosaischen Religion noch einmal danken, daß sie ihren erhabene», einsamen Posten nicht verlassen, daß sie das Kleinod des unverfälschten Gottesglaubens ängstlich gehütet und sich nicht durch Lockungen, nicht durch Drohungen haben verleiten lassen, es preiszu-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.