Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1893)
- Date
- 1893-06-01
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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lief) der Umstand ist, das; unsere Sprösslinge nicht mehr in harmlosen Frieden heranwachsen, sondern schon in den Tagen der goldnen Kindheit und der frohen Jugendlust brennende Wunden davon tragen, die ihnen durch die vergiftenden Pfeile ihrer Lehrer und Vorgesetzten beigebracht werden, und die schwerlich jemals völlig vernarben; noch betrübender ais dies Alles sind die Schlußfolgerungen, die wir für die Zukunft unserer Religion daraus ziehen, noch verhängnißvoller und gefahrdrohender als die häßliche, jedes edle Gemüt empörende Bewegung selbst ist die Rat- und Hoffnungslosigkeit, mit der weit ansgedehnte Kreise der jüdischen Religionsgenossenschaft dem wüsten Treiben unserer Widersacher gegenüberstehen. Diese Gefahr zu bekämpfen, diese Hoffnungslosigkeit durch das Wort der Belehrung zu beseitigen, oder, wenn das nicht möglich, zuni mindesten zu mildern, ist eine der heiligsten Aufgaben des jüdischen Seelsorgers in der Gegenwart, ist ein Gott wohlgefälliges, das Heil der Gesamtheit förderndes Werk, dessen Ausführung die durch das Pesachfest in uns wachgerufenen heiligen Erinnerungen uns wesentlich erleichtern. So lauschet denn in Andacht und mit Herzenswilligkeit der gottesdienstlichen Besprechung der inhaltreichen Verse aus den vorhin angcstimmten Hallelpsalmcn: Nicht sterbe ich, nein, ich lebe und erzähle die Thaten Gottes. Wohl hat Gott mich gezüchtigt, doch dem Tode hat Er mich nicht hingegeben. Als der fromme Sänger im Namen und als Vertreter seines Volkes seiner ernst und feierlich gestimmte» Laute die Töne unseres Texteswortes entlockte, da drohten die Wogen der Nerfolgnng sein Lebensschiff zu überfluten und ihn in den abgrundtiefen Schlund des Verderbens hinabzuziehen. Trotz aller ihm innewohnenden Thatkraft fühlte er sich zu schwach, den gewaltigen Sturm zu beschwören; aber dennoch verzagte er nicht, ihn beseelte die unerschütterliche Zuversicht, daß ihm Rettung werden, daß er dem Untergange nicht anheimfallen würde. Woher schöpfte er die Zuversicht, daß die rasende See sich beruhigen werde, ehe sei» schwankendes Fahrzeug zerschellt sein würde? Was verlieh ihm das frohe Bewußtsein, daß er das Land der Verheißung schauen und dankbaren Sinnes betreten werde? War er mit prophetischem Seherblicke ausgerüstet? war vor ihm der Schleier gelüftet, der die Zukunft deckt? — Keineswegs! Er glaubte nur an seinen Berns, er wußte, daß er eine gute und gerechte Sache, die Sache der Wahrheit und Menschenliebe vertrat, und daß diese nimmermehr untergehen könne, dieweil sie göttlich und darum ewig ist. Sei» Glaube ließ ihn nicht zu Schanden werden, den Spott und Hohn seiner Dränger, die ihm schon das Grablied anstiinmten, ertrug er geduldig, in stolzer Demut erkannte er sich als das Werkzeug Gottes, geschaffen zur Verherrlichung seines heiligen Namens, als den Zweck seines Daseins erkannte er die Verkündigung der Werke des Höchsten. „Ich sterbe nicht, »ein, ich lebe." Doch nicht um meinetwillen wird das Leben mir ausbetvahrt, sondern damit ich die Thaten Gottes erzähle, damit ich sein Reich auf Erden gründen helfe. An diesem Glauben hielt Israel fest in den finsterste» und grausigsten Zeiten, in Zeiten, an die wir ohne Schauder», ohne inneres Entsetzen nicht zurückdenken können. Man nannte das wohl jüdische Zähigkeit und Verblendung Halsstarrigkeit und Selbstüberschätzung, und doch war es nichts anderes als die aus sorgfältiger, ernster Prüfung geschöpfte Erkenntnis, daß Israels Existenz für die gesamte Menschheit von Bedeutung sei, daß die vorzugsweise ihm zur Lösung anvertraute Aufgabe allen Staubgeboruen zum Segen gereichen werde, und daß