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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1893-05-01 · Heft 5 (1.5.1893) · p. Seite 107

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 5 (1.5.1893)
Date
1893-05-01
Page
Seite 107 (sequence 11)
Language
German
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107 abgehe — und wir, die wir soeben Purim gefeiert und uns an dem Musterstück derben Humors gelabt und gelacht haben, lächeln still weiter und wollen etwas tiefer in das Wesen des Humors überhaupt eindriugen. Zunächst drängt sich uns die Frage auf: „Was ist Humor?" Darauf haben wir die Antwort: „Humor ist der Ausfluß des Geniütes in einer das eigene Ich in den Kreis der Allgemeinheit ziehenden Weise.. wobei naturgemäß das liebe Ich bald als kleinlich und unbedeutend verschwindet, und durch den Gegensatz zur alles umfassenden Gesammtheit einen kleinen Beigeschmack des Komischen erhält. Und in der That nennt Jean Paul (Friedrich Richter) den Humor das Tragikomische, d. h. das umgekehrte Erhabene, oder wie Börne sagt: „Der Humor ist keine Gabe des Geistes, er ist eine Gabe des Herzens, er ist die Tugend selbst, wie ein reichbegabtes Herz sie lehrend übt, weil es sie nicht übend lehren darf " Trotzdem deckt sich das Komische durchaus nicht mit dem Humoristischen. Denn während es des Komikers heißes Bemühen sein und bleiben muß, durch plastische Darstellung nicht nur die Thor heit, sondern auch den Thoren dem Gelächter und dem Spotte preiszugeben, das nach dem bekannten Französischen Worte: „Le ridicule tue“ (Das Lächerliche tobtet) selbst das Ehrwürdigste herabzieht, mit der Lauge des Spottes benetzt und scharf und rücksichtslos vernichtet, verlacht der Humorist die menschliche Thorheit und bemitleidet den Thoren, wie u- A. Shakespeare dieß in dem Narren beim König Lear so treffend gezeigt. In den Augen des Humoristen ist die Thorheit das Erbteil der Menschheit und das Laster ist ihm weniger eine Verkehrung des Willens als der Einsicht. Zugleich aber weiß er sich selbst mit jenem Erbteil behaftet. Und hier, m. H., wären wir wieder auf jüdischer Führte; sagt doch der Talmud ausdrücklich: „Kein Mensch sündigt, es müsse denn der Geist der Thorheit ihn erfüllen." Der Humor ist also ein Lachen unter Thränen oder sagen wir noch richtiger ein Lächeln, das den Schmerz verdrängen und inmitten der Schmerzen und Thränen noch immer das Lächeln hervorzaubern will. Mit Recht sagt Börne in seiner Gedenkrede auf Jean Paul: „Einst war eine schönere Zeit, wo man den Humor nicht kannte, weil man nicht die Trauer und die Sehnsucht kannte." Trauer und Sehnsucht jedoch entstammen nicht dem kalt berechnenden Verstände, sondern dem warm fühlenden Herzen2) und dem reichen Gemüte. Und das Gemüt ist es eben, das im Humor zum Ansdruck gelaugt und bis an des Grabes Rand von Hoffnung erfüllt sein will, ja über das Grab hinaus sich erstrecken möchte. Nach dem Vorangegangenen ist es nun klar, daß die Religion, die ja die erste Bildnerin der Sitte und Sittlichkeit ist gewesen, einen gewaltigen Einfluß auf das Gemüt und mittelbar auch auf den Humor geübt hat, und so ist es für uns von großer Wichtigkeit zu erfahren, ob denn in der That der Humor ein ursprüngich j ü d i s.ch e s Gewächs oder nur eine künstliche, eine Treibhauspflanze ist. s) Ein talmudischer Ausspruch lautet: Der Heilige, gelobt sei er, will das Herz. Man vergleiche hiermit die interessante ..Parallele die den Franzosen Bauvenargnes zum Autor hat, und der sagt: Le» grandes pensöes viennent du coeur (Die großen Gedanken entstammen dem Herzen). Man vergleiche ferner Daudets jüuaste Aeußernng über Heine: Nur eines liebe ich nicht bei ihm. Er hat nicht das frische, freie Lachen, das von Herzen kommt. Es ist mir zu viel Bitterkeit darin. Fieilich ich weiß wol. woher diese Bitterkeit stammt. Das ist das Lachen des jüdischen Volk s das Lachen, aus dem die Verfolgung herausklingt, die Folter, die Schmach, der Scheiterhaufen — das Lachen, über dem Jahrhunderte lang die Geißel des Henkers gedroht hat. —

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