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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1893-05-01 · Heft 5 (1.5.1893) · p. Seite 102

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 5 (1.5.1893)
Date
1893-05-01
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
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» 102 deutsche Ideale erglühen, und' dennoch nicht vergessen können,'.nicht verleugnen wolle», nicht verschweigen dürfen, daß wir Juden sind. Deutsch und jüdisch! Scheinbare Gegensätze in den Augen der Antisemiten, wohl auch in denen der Finsterlinge in beiden Heerlagern. In beiden. Vor wenig mehr als hundert Jahren noch war ein deutsches Buch in jüdischen Häusern verpönt, das Lesen darin als sündhaft verboten. Nur jüdisch-deutsch war erlaubt, in Sprache wie in der Schrift. Aber wie gründlich hat sich das geändert! Wie ist aus der deutschen Bibel Moses Mendelsohns — deren Ankauf und Lesung vor hundert Jahren eifervolle Rabbiner mit dem Bann belegten — eine Saat der Bildung aufgeschossen, die alle die Befürchtungen der Fanatiker zu Schanden machte, wie gründlich sind durch sie die Jüdisch-Deutschen zu Deutschen jüdischen Bekenntnisses geworden! Deutsch und jüdisch! Scheingegensätze, in Wahrheit vollkoinnieu übereinstimmende, harmonisch einander ergänzende Eigenschaften. Ein eingehender Blick auf die Schriftschätze, in das Leben der Deutschen, der Juden wird und muß das bestätigen. Die sich vergeblich bemühen, einen unlösbaren Gegensatz zwischen dem Deutschen und dem Juden herauszufinden, gelangen dazu durch Verrenkung und Verunstaltung der beiden Begriffe. Sie machen den Juden zum Judas und den Deutschen zum Christus, sie tauchen nach Art schlechter Maler und schülerhafter Dichter ihren Pinsel und ihre Feder in die Farben der schreiendsten Gegensätze: hier alles Gute und Schöne — deutsch, dort alles Böse und Häßliche — jüdisch. Es fehlt ja leider nicht an Vorbildlichkeit für diese Unterscheidung. Im neuen Testament schon sind die Juden in den schwärzesten Farben geschildert, ist der Apollo-Gestalt des idealen Gottmenschen und seiner vom ihm begeisterten Jünger die mephistopholische des Judas und der Juden gegenübergestellt. Das prägt sich der Kindesseele schon ein. Sie weiß ja nichts davon, daß es sich hier um Streitschriften handelt, in sich selbst widerspruchsvolle, weil von verschiedenen Standpunkt aus geschriebene, zu bestimmten Zwecke», nicht aus der Zeit deren angebliche Ereignisse sie darstellen, sondern Jahrhunderte später entstanden. Gläubig und gerührt vernimmt das Kind in der Schule die Kunde von dem edlen Kinderfreunde und den bitterbösen Juden, die ihn verfolgt und an's Kreuz geschlagen, und — der Grundstein zur meist lebenslänglichen Er- und Verbitterung gegen die Juden ist gelegt, noch ehe das Kind im Leben einen Juden gesehen hat. So hat sich der Gegensatz von christlich und jüdisch künstlich schon von der Kinderschule her herausgebildet. Künstlich — denn Christentum und Judentum sind geistig gefaßt — keine contradictorischen, keine einander aufhebenden Widersprüche, sondern mit einander innig verwandt. Das Christentum ist Judentum, legirt mit griechischem (mythologischem, philosophischem) Heidentum. Es enthält in seiner Quellenschrift, dem neuen Testament, herrliche Sittenlehren, aber keine von ihnen ist neu, keine fehlt in den älteren, alttestamentarischen oder gleichzeitigen talmudischen Quellen. Fast mit denselben Worten sagt der gleichzeitige Jude Hillel dasselbe, was Christus gelehrt haben soll. Es ist eine Unwahrheit, wenn man die Ethik des Christentums auf Kosten des Judentums hervorhebt. Allerdings versucht es das neue Testament, sich zum Nachteil des alten in Glanz zu setzen. Allein nur durch ungenaue Citate. Die vielgepriesene Bergpredigt z. B. enthält in ihren ersten Sätzen den Preis der Friedfertigen, der Rechtschaffenen, der Barmherzigen genau in Uebereinstimmung mit dem alten

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