Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1893)
- Date
- 1893-05-01
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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101 stimm ung mit der tausendjährigen Geistes- und Leidensgeschichte der Ahnen Nicht mit den vergänglichen, von Zeit und Ort abhängigen Gewohnheiten, Bräuchen, Sitten und Unsitten, sondern mit den tieferliegenden geistigen und gemütlichen Anschauungen. Und seltsam! Dies jüdische Geistes- und Gemütsleben, das sich am innigsten und herzerquickendsten zeigt und entfaltet im Ehe- und Familienleben, in der Liebe der Eltern zu den Kindern, in der Verehrung der Kinder für ihre Eltern, in der Fürsorge für Arme und Schwache, in der erbarmenden Liebe, in der gemeinsinnigen Thätigkeit: Tugenden die den echten und rechten Juden von heute noch grade so hochstehen und innewohnen, als ihren Ahnen vor Jahrhunderten — es ist bei Lichte besehen zugleich dasjenige, das den echten und rechten Deutschen kennzeichnet nicht de», der sich im Sinne der Antisemiten deutsch nennt und damit die eigne Wertüberschätzung, die Verächtlichmachung Anderer verbindet. Es ist schon oft betont worden, daß deutsch und jüdisch keine Gegensätze sind, sondern die denkbar innigste Uebereinstimmung darstellen. Ich will nicht aus die vielnmstrittene Frage nach dem arischen und dem semitischen Urstamm eingehen. Die Wissenschaft ist über diese schein-wissenschaftliche Völkerunterscheidung nicht schlüssig geworden. Aber das Eine steht fest, so paradox es klingt in unserer gerade in Deutschland so antisemitisch angehauchten Zeit — deutsches und jüdisches Wesen steht in einer tiefen und innigen Verbindung. Der sittliche Ernst, die herbe und strenge Lebensauffassung, das Pflichtgefühl — der Gegensatz zur Leichtlebigkeit des Romanen - das sind ebensowohl deutsche, als jüdische Eigentümlichkeiten. Es ist kein Wunder, noch weniger ein Zufall, daß die Juden fast in der ganzen Welt, jedenfalls weit über deutsche Landesgrenzen hinaus, Deutsch sprachen und sprechen, wenn auch mitunter geradebrechtes. Sie brachten es nicht blos ans Deutschland mit in die Ferne, auch die in der Fremde Geborenen, die polnischen, die russischen Juden sprechen ein — wenn auch wundersames — Deutsch. Das im Allgemeinen. Und wir deutsche, in Deutschland geborne, in Deutschland lebende, deutsch denkende und empfindende Juden insbesondere? Kein Vorwurf drückt uns tiefer, ist uns schmerzlicher, als der, der unser Deutschtum, unsere Vaterlandsliebe, unsere Vaterlandszngehörigkeit anzweifelt. Nicht, oder doch richtiger gesagt, nicht ausschließlich, nicht in erster Linie, um der äußerlichen, materiellen Folgen willen, die sich daran knüpfen und die jene Verleugner unseres Deutschtums einzig und allein im Auge haben, sondern vor Allem und vorzugsweise wegen der geistigen, der seelischen Beraubung, die uns damit angedroht wird. So muß dem Sohne zu Muthe sein, dem man seine Mutter streitig macht. Nicht die drohende Entziehung des Erbteils ist's, die ihm das Herz schwer macht, sondern die Entfremdung des Mutterherzens, die Erkaltung der Mutterliebe, die Mißachtung seiner Sohuesrechte, die Verhöhnung seiner kindlichen Gesinnung. Aus einem ähnlichen Gefühle heraus schrieb Chamisso, der aus einem französischen Geschlecht in Deutschland geboren, mit allen Fasern seines Herzens in Deutschland wurzelte, seinen Peter Schlemiel. Und zu ähnlicher Schlemielschaft sind wir heutzutage allesammt verurteilt, wir deutsche Juden, die wir deutsch denken und deutsch fühlen, die wir Deutschland, das politische, das geistige, lieben und verehren, deutsche Bildung in uns ausgenommen haben, deutsches Wissen und deutsche Kunst hegen und pflegen, die wir, gleichviel welchen politischen oder ästhetischen Parteistandpunkt wir einnehmen, für deutsche Sitte, deutsches Wissen,