Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1893)
- Date
- 1893-04-01
- Page
- Seite 88 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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für das praktische Lebe» mid Wirken eines modernen jüdischen Theologen, der — in Deutschland wenigstens — auf deutsche Juden religiös, sittlich belehrend, erbauend wirken will, sind sie nicht erforderlich. Dazu reicht eine Beschränkung auf die rein ethischen, rein poetischen Stücke der Bibel, des Talmuds ans. Von der Erziehung und Bildung der Jugend und der Volkslehrer aber bängt die Richtung ab, welche die Gemeinden, die Alten wie die Jungen erhalten sollen. Ein aufmerksamer Blick ans die Litteratnr, auf das was von Rabbinern z. B. im letzten Jahrzehnt an wissenschaftlichen Werken herausgegeben wurde, noch mehr ein solcher auf Rabbiner- und Dvctordissertationen junger jüdischer Theologen, giebt in dieser Hinsicht zu denken. Es fehlt zwar nicht an ausgezeichneten, bei aller Wissenschaftlichkeit, in's praktische Leben eingreifenden Werken. Ich nenne beispielsweise Güdemanns verdienstvolle Geschichte des Erziehnngswesens, Maybaums Homiletik, Vogelsteins Priester und Leviten u. s. w. u. s. w. Aber wie viele Andere streifen in entlegenste Gebiete, wie ist dies namentlich bei so vielen Erstlings- und Doctorschriften der Fall, mit denen junge Männer sich für ihr erstes Rabbineramt zn empfehlen vermeinen Sie gemahnen mich an einen längst verstorbenen, durch seine milde humane und freie Denkweise ausgezeichneten Hofprediger, der über — chinesische Litteratnr und Astronomie schrieb. Auf mich machte das den Eindruck einer Flucht aus den beengenden, beschränkenden und beschränkten Räumen der Berufswissenschaft in den lichteren freieren Aether. Hand auf's Herz — wie viele Theologen teilen dies Gefühl? Mus; das sein? Warum? Ist nicht das Gebiet der jüdischen Religionswissenschaft, der gediegenen Religionspraxis reich und überreich genug, liegt nicht da so viel öde und brach, das des Schweißes der Edelsten wert wäre? Gin akademisches Wereinsfest. Am 20. und 22. Februar feierte ein Verein das Fest seines zehnjährigen Bestehens, der in mehr als einer Hinsicht das Interesse weiterer Kreise in Anspruch nehmen darf: Der „akademische Verein für jüdische Geschichte und Litteratnr" an der Berliner Universität. So reichlich wohl jede Alma inater und besonders die Berliner mit Vereinen und Corporationen „aller Farben" ausgestattet ist, und so treffend auch von ihnen gilt, sie seien desto besser, je weniger man von ihnen spricht, so mag doch genannter Verein als in seiner Art einzig auch der Oeffentlichkeit gegenüber eine Ausnahmestellung einnehmen. Es war keine gewöhnliche Thal, als vor »nnmehr 10 Jahren Studenten der verschiedensten Fakultäten sich znsammenfande», um der jüdischen Geschichte und Litteratnr eine Freistätte unter der studierenden Jugend zn errichten. Man hatte dem jungen Unternehmen auch nur wenig Glück verheißen können, hätte man nur den damaligen Zustand der zur Pflege bestimmten Wissenszweige in's Auge gefaßt. Auf der einen Seite unbekannt und unbeachtet, waren sie ans der andern verkannt, mißachtet, und den grundlosesten Verleumdungen, den schändlichsten Entstellungen ausgesetzt. Zudem wurden sie jetzt,-einer Jugend empfohlen, der das humanistische Gymnasium und die meist unbedeutende Religionsschule gerade für jene Stiefkinder alles Unterrichts wenig Liebe eingepflanzt hatten. Da mußte die schmachvolle antisemitische Bewegung neben manchei» Guten, das sie tvider Witte» stiftete, auch das Interesse für historische