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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1893-04-01 · Heft 4 (1.4.1893) · p. Seite 87

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 4 (1.4.1893)
Date
1893-04-01
Page
Seite 87 (sequence 15)
Language
German
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87 .Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit, Freiheit und Rechtsgleichheit lehrt. Sie ist ein erhabenes, herrliches Buch, soweit sie in unübertroffener Schönheit, Einfachheit und Eindringlichkeit Geschichten erzählt, von der Schöpfung, von der Entstehung des Menschengeschlechts, von den Patriarchen, von Joseph, von Moses und dem Auszug ans Egypten, soweit sie in einer von keinem späteren Dichter oder Philosophen erreichten Sinnbildlichkeit und Klarheit die schwersten Problenie der Lebensweisheit : gut und böse, Willensfreiheit, in den sinnigen Parabeln vom Baume der Erkenntnis, von Kain und Abel veranschaulicht, für den kindlichen Sinn gleich genießbar und erbaulich, wie für den tiefer eindringenden. Die Bibel ist ein erhabenes, herrliches Buch, soweit sie nicht blos für die Sittlichkeit, sondern auch für die Sitte das grundlegende Gesetz für alle Cnltnrvölker der Welt und alle Zeiten, bis auf die unseren, und — trotz antisemitscher Skeptiker — auch noch für die kommenden sein und bleiben wird (Ehe, Bevorzugung der Einehe, Eheverbote, Feiertage). Die Bibel ist endlich für die Inden ein erhabenes, herrliches Buch, soweit es ihr Ahnenbrief, ihr Adelsdiplom ist, soweit es sie mit gerechter Freude erfüllen darf, daß solch' ein unvergleichliches Volks- und Weltbuch von Männern geschaffen, gesammelt und erhalten ist, mit denen sie denselben Stammesursprung haben. Insoweit, aber auch nur insoweit dürfen die Juden freudig, dankbar und stolz ihres Ursprungs gedenken, insoweit und nur insoweit darf man von einer Erwählung Israels reden, und der allgemein anerkannten und unbestrittenen Bevorzugung und Erwählung der Griechen zur Darstellung des Ideals der Schönheit, der Römer zur Ausbildung des Rechts, steht die der Juden zur religiösen sittlichen Vertiefung, ebenbürtig zur Seite. Aber nicht für uns und unsere Zeiten bedeutungsvoll ist die Bibel in alledem was ihr an Polizeivorschriften Brauchtümern, Einrichtungen, Zugeständnissen an ihre Enstehungszeit, ihren Entstehungsort anhaftet. Bedeutende rabbinische Schriftsteller, wie Maimonides u. A. haben schon in alten Zeiten gewisse biblische Vorschriften und Erzählungen, wie die Opfergebote, die versuchte Opferung Jsaacs schmackhaft zu machen gesucht durch die Erklärung, es handle sich um Conzessionen au die damalige Zeitauffassung um die Ueberleituug aus der heidnischen Menschenopferung in gesittetere Zustände. Für uns haben diese Dinge keinen praktischen Wert mehr, wir haben aus dem Laufe der Jahrtausende den edlen Gehalt der Bibel gerettet, die daneben überlieferten asiatischen und orientalischen Bräuche und Formen, mögen sie auch bisher als Umhüllungen des wertvollen Inhalts, als silberne Kapseln für die goldene Frucht, oft und bei manchem auch als goldene Kapsel für eine minderwertige Frucht erschienen sein, sind heutzutage ohne alle religiöse sittliche Bedeutung. Und was von der Bibel gilt, gilt auch vom Talmud. Auch hier ist alles auszuscheiden, was lediglich den wissenschaftlichen Standpunkt, das Brauchtum längstvergangener Zeiten und des — uns Deutschen namentlich — fernliegenden Orients darstellt. Auszuscheiden ist auch die für ihre Zeit gewiß höchst geistreiche für unsere vollständig entbehrliche Diätetik, eine Formalbilduug des Talmuds. Und damit beantwortet sich auch die Frage, ob es für Heranbildung der jüdischen Geistlichen — Rabbi „mein Lehrer", daher Rabbiner genannt — also der Jugend- und Gemeindelehrer noch nötig sei, daß sie die — wenn ich nicht irre ein Septenat erfordernde talmudische Vorbildung brauchen, d. h. ob sie in der Mathematik, der Astronomie, der Medizin, der Rechtskunde, wie sie im Talmud aufgespeichert ist, Bescheid wissen müssen. Für ihren praktischen Beruf als Volks- und Gemeindelehrer ist es gewiß nicht erforderlich. Mögen die, welche sich in diese alte Geschichte der Wissenschaft vertiefen wollen, sich diesem Studium hingeben,

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