Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1893)
- Date
- 1893-04-01
- Page
- Seite 86 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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allen Volkslebens, den Tempel, den Opfercult, die Priester und Leviten zur wesentlichen Voraussetzung. All das veränderte sich mit der herodiamschen Zeit und der Zerstörung Jerusalems. Der alte Codex des jüdischen Rechts verlor in allen, nicht blos religiösen Bestimmungen praktische Geltung, verwandelte sich in ein Riligions- und Geschichtswerk, seine Gebote wurden vernünftigerweise eingeteilt in solche, die an das Land gebunden und mit dessen Verlust erledigt sind. Dahin gehören Opfer, Priestercult, lbis auf die abzulösen vergessenen Schildwachen der priesterlichen „Lösung des Erstgeborenen" des Priestersegens und des Priesterranges bei dem Synagogenaufruf — Schildwachen deren Wert der Talmud mit der Ironie erschüttert, daß die Geschlechtsregister verloren gegangen, die priesterliche Abkunft mithin zweifelhaft sei) Erlaß und Jubeljahr, dreimalige Tempelwallfahrt. An Stelle des einen Tempels enstanden Synagogen, an Stelle der Opfer führte man Gebete ein, an Stelle der Priester traten Lehrer, Rabbiner. So entwickelte sich ans dem Volksjudentum der heiligen Schrift das Glaubensjudentum des Talmud. Und so erklärt es sich denn auch, daß Jahrhunderte hindurch letzterem der Forschersinn sich mehr zuwandte, als elfterer. Der Uebergang vom Erdgeschoß der heiligen Schrift in das erste Obergeschoß des Talmud war die erste Reform des Judentums. Selbstverständlich mit den mannigfachsten Strömungen. In ihr hatte die conservative, starr am Althergebrachten Hangende Schule Schamais und die liberale, weise und milde Bedürfnis der Gegenwart und Erfordernis der Zukunft berücksichtigende Schule Hillels (von dem die schönsten Sprüche der Väter herrühren) gleichmäßig Raum. Und es hat Jahrhunderte gewährt, strenggeuommen, wenn man von dem, eben darum argbefehdeten Maimonides und seinen Getreuen absieht, bis in die Zeit Mendelssohns, ja bis in unser Jahrhundert, ehe der Geist Hillels und seiner Schule zum Durchbruch kam. Aber für unsere Zeit und für unsere Bedürfnisse und für die Zukunft des Judentums hat, wie sein Untergeschoß die Bibel, so der Talmud und der darauf gebaute rabbinische Schriftschatz nur den Wert geschichtlicher Ouellen, nicht den unerschütterlicher Glaubenssatzungen und Lebensvorschriften. Die Bibel nicht — sie ist vom Talmud überholt, eingeschränkt, erweitert, aufgehoben. Schon diese eine Thatsache beseitigt den Wahn göttlichen Ursprungs d. h. den, als sei die Bibel von Gott in Person offenbart, dietirt oder sonst wie in sinnlicher Weise dem Moses, den Propheten, den Juden unmittelbar zugeeignet worden, ein Wahn, den auch die orthodoxen Juden heute in ihre» wissenschaftlichen Forschungen beseitigt haben — wie wäre sonst auch die von ihnen gehandhabte Bibelkritik möglich — der aber in den Religionslehrbüchern, Religionsschulen und Predigten der Orthodoxie und der conservative» Vermittlungsthevlogen, in den Gebetbüchern und Gebeten noch heute, wie vor Jahrhunderten gehegt und gepflegt wird. Das Dankgebet gegen Gott „der uns geboten hat das und jenes zu thun, was in der Bibel steht, selbst das tvas nicht in der Bibel steht, sondern nur im Talmud — z. B. das Weihelicht auzuzüuden, die Halleluja-Psalmen vorzutragen — wird heute noch wie vor Jahrtausenden gesprochen! Die Bibel ist ein erhabenes, herrliches Buch, soweit sie dem religiösen Aufschwung im Psalmenim Prophetenwvrt den innigsten, herzerhebensten, noch heute unerreichten und unerreichbaren, noch heute für die feierlichsten Lebenserreignisse aller Consessionen entsprechendsten und unentbehrlichsten Ausdruck giebt. Sie ist ein erhabenes, herrliches Buch, soweit sie die edelsten Sittenlehren ■— Menschenliebe, Gvttesliebe, Gotteskindschaft aller Menschen, Wvhlthätigkeit,