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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1893-04-01 · Heft 4 (1.4.1893) · p. Seite 85

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 4 (1.4.1893)
Date
1893-04-01
Page
Seite 85 (sequence 13)
Language
German
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85 Culturgeschichte der Völker bestätigt es uns. Je mehr Licht und Bildung in die Menschheit eingedrungen, desto mehr sind die biblischen Lehren und Gesetze von des Menschen Recht und Freiheit zur Auerkennnung und Verwirklichung gelangt. Der große Umschwung in den religiösen Anschauungen seit Luther und Zwingli, die sozialen Umbildungen in den Staaten seit einem Jahrhundert, die Durchdringung der Rechtsgleichheit für alle Menschen u. a. m. brachten und bringen die biblische Gottesidee mit ihren Lehren und Gesetzen von der Gottes- und Menschenliebe immer mehr zur Verwirklichung. Nimmt auch das Judentum Abstand von Proselytenmacherei und überläßt diese Arbeit dem Christentunie, so hat es doch nicht aufgehört, in den Jahrhunderten seit der Reformation Erfolge seiner Lehren und Gesetze auf seinem Gange durch die Geschichte zu erleben und zu verzeichnen. Das Judentum verzichtet auf die äußere» Fornien der Anerkennung seiner Gottesidee, strebt nicht danach, daß alle Menschen sich zur Synagoge bekennen, wenn nur bei ihnen seine Lehren und Gesetze von Menschenwohl und Menschenbeglückung anerkannt und zur Wahrheit werden. Es hat das Bewußtsein und die zuversichtliche Hoffnung, daß der Gottesglanbe der Bibel ans seinem Gange durch die Welt, für dessen Erhaltung Israel ein Jahrtausende langes Märtyrertum trägt, der Erfüllung seiner Sendung, eine Heilsstiftung für die Völker zu werden, sich nähert. Deutsch und Jüdisch von Rechtsanwalt Emil Lehmann. j «Fortsetzung.) f Ich betrachte den Talmud nicht — gleich den Sadducäern und Karäern — als etwas Ueberflüssiges, als einen üppigen Auswuchs, mit dessen Beseitigung man auf das einfache biblische Schriftwort zurückkomme» muß. Ich sehe ihn als eine geschichtliche Fortentwickelung der Bibel an, trotz der vielfachen Erschwerungen, die er, wie bereits ein Beispiel zeigte, und wie sich solche leicht vervielfältigen ließen, hinzugefügt hat. Er hat z. B. die zweiten Feiertage aus Rücksicht auf Zweifel über den Zeitpunkt des Neumond-Eintritts eingesührt, die unsere Orthodoxen heute noch feiern, obschvn jetzt kein solcher Zweifel mehr möglich ist. Der Talmud hat ferner beispielsweise aus dem biblischen Verbot: nichts Zerissenes, d. h. kein Aas zu essen, die minutiösen Schächtritualien herausgearbeitet, die dem Stande der Tierarzneikunde gewiß vollkommen entsprachen, ja für diese wahrscheinlich ebenso gesundheitspolizeilich wertvoll als tierfreundlich waren, denen aber fortdauernden Wert für alle Zeit, auch gegenüber der fortschreitenden Veterinärwissenschaft beizulegen ihren Urhebern gewiß nicht bcigesallen wäre. Wir haben es oft erlebt, daß z. B. alte Stiftungen untersagen Kirchen u. s. w. umzubanen, während die praktische Notwendigkeit dies erforderte. Man half sich da sophistisch, indem man stückweise, von Innen heraus, Einzelnes änderte. Am Ende war doch ein Uni- und Neubau fertig, sophistisch ersonnen, vom Bedürfnis erfordert. Ebenso steht es mit Bibel und Talmud und den auf diesen fußenden rabbinischeu Schriften. Das Bedürfnis der fortschreitenden Zeit, der veränderten Anschauungen, Erfordernisse und Oertlichkeiten rief sie hervor, machte sich in ihnen geldend. Die sogenannte heilge Schrift hat offenbar eine ganz ander zeitliche nicht nur, auch räumliche Grundlage, als jene späteren Werke. Sie hat das eigene, selbständige beziehungsweise wiedererlangte Land Palästina, Jerusalem als Hauptstadt und Mittelpunkt

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