Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1893)
- Date
- 1893-04-01
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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78 sondern ein ganzes Buch der Bibel ist der Verherrlichung dieser Liebe gewidmet. Es ist das Hohe Lied! Die keusche und treue Liebe Sulamits zur ihrem Erkorenen wird in den lieblichsten und lebhaftesten Farben geschildert und am Schlüsse der Dichtung die Macht der Liebe mit den Worten verherrlicht: „Mächtige Gewässer können das Feuer der echten Liebe nicht verlöschen und rauschende Ströme sie nicht fortschwemmen." Die Macht der Liebe zeigt uns der heutige Thora-Abschnitt durch die Erzählung der Liebe Jakobs zu Rahel. Da ist ein Brunnen von einem schweren Steine bedeckt, den nur die vereinten Kräfte der Hirten fortwälzeu können. Jakob aber, von dem niächtigen Gefühle ergriffen, gewinnt fast eine Riesenkraft und vollbringt das Werk ganz allein. Der liebende Hirte mit dem Wanderstabe ist so stark wie die Hirten von Charan. Auch die stille Arbeit leistet er geduldig und ausdauernd ohne zu murren und zu klagen, um in den Besitz Rahels zu gelangen. Das Gefühl der Liebe ist das mächtigste, das im Menschenherzen sich regt und der größten Opfer fähig macht. Darum bezeichnet die Thora die Beziehungen des Menschen zu Gott durch die Liebe, darum ist die Liebe der höchste Ausdruck'für die volle Hingebung des Menschen an Gott. „Du sollst lieben den Ewigen deinen Gott," gebietet sie, „mit deinem ganzen Herzen," mit der ganzen Glut desselben. Diese Herzensliebe offenbart sich in der Anbetung Gottes, im öffentlichen Cultus. „Liebe deinen Gott mit deiner ganzen Seele, mit den Kräften deines Geistes." Diese Geistesliebe entflammst du durch das Studium der Thora und durch die sinnende und forschende Betrachtung der Natur. Die Werke der Natur, lehrt R. Moses ben Marino«, öffnen uns die Pforten zum Tempel der Gottesliebe, indem sie uns die Erhabenheit, die Weisheit und die Güte des Schöpfers anschaulich vor die Seele führen. „Liebe deinen Gott mit beinern ganzen Vermögen," durch Geld und Gut, durch Verwertung deiner Kräfte, durch Thaten der Menschenliebe. Diese dreifache Gottesliebe wird im Judentum durch drei Worte ausgedrückt. Sie heißen: „Thora, Aboda, Gemilut Chasadim," Lehre und Wissenschaft, Anbetung und Verehrung, menschenfreundliches Wirken und Schaffen. Auch den Beziehungen des Menschen zu einander drückt die Thora den Stempel der Liebe auf, indem sie gebietet: „Liebe deinen Nebenmenschen wie dich selbst." Wohl kannst du ihn nicht lieben wie du dein Weib, dein Kind, deinen Vater, deine Mutter liebst, sondern wie du dich selbst liebst. Was willst und wünschest du? Daß man dich nicht schädige, beschäme, verkürze, verleumde, beunruhige, verfolge: Nun denn, das sollst du auch beinern Nebenmenschen nicht zufügen. Du wünschest aber noch mehr. Du willst, daß man dir auch gefällig sei, dir Gutes erweise, teilnamsvoll dir gegenüber sich benehme, dir helfe, rate, dich aufrecht halte, nicht zu Grunde gehen lasse: Wohlan denn, so sollst du deinen Nebenmenschen lieben, ihm das leisten, was du von Anderen erwartest. So hat das Judentum eine uralte dreifarbige Fahne: Gottesliebe, Familienliebe, Menschenliebe! Diese Fahne tragen wir voran seit Jahrtausenden, und wollen nicht müde werden, sie fort und fort zu tragen und festzuhalten,. bis alle Menschen in Liebe sich vereinigen, und mit dein letzten Propheten begeistert ausrufen werden: „Wir Alle haben einen Vater, ein Gott hat uns geschaffen; laßt uns Brüder sein, und brüderlich, friedfertig, einträchtig, liebevoll zusammenleben."