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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1893-04-01 · Heft 4 (1.4.1893) · p. Seite 76

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 4 (1.4.1893)
Date
1893-04-01
Page
Seite 76 (sequence 4)
Language
German
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76 - Aber ganz anders meine Herren! gestaltet sich unser Verhältnis zu dem Talmud, weun für ihn oder gar für seinen Ausläufer den Schulchan-Aruch, unbedingte religionsgesetzliche Bedeutung beansprucht wird, wie dies in der vorwissenschaftlichen Epoche in der Geschichte des Judentums der Fall war, da ist es an der Zeit Stellung zu nehmen und auf über ihn hinausgehende Entwicklungen hinzuweisen. Wir müssen es offen und ehrlich betonen der Talmud hat für uns religionsgeschichtliche aber keine religionsgesetzliche Bedeutung, ohne Furcht vor dem Geschrei der Dunkelmänner, die ihren spitzfindigen Geist noch immer an einer veralteten längst überwundenen Sophistik üben, ohne Furcht vor einer kleinen Minderheit im deutschen Judentume, die sich durch veraltete Gesetze gebunden fühlt und sich von dem fruchtbringenden Zusammenleben mit den Ideen der Zeit und Wissenschaft gewaltsam abschließt. Wir folgen damit nicht nur dem Gebote der wissenschaftlichen Erkenntnis, nicht nur dem Triebe nach Wahrheit und stellen das Judentum wieder auf seine geistige Höhe hin, sondern entreissen auch unseren Feinden dadurch die Waffen, mit denen sie sonst nicht aufhören werden uns fort und fort zu bekämpfen. Das orthodoxe, talmudisch verknöcherte, national verengte Judentum, von dem in neuester Zeit auch Zionistische Bewegungen im Osten auf's kräftigste unterstützt werden, die in ihren Folgen große Gefahren in sich bergen, ist ein geistig und wissenschaftlich überwundener Standpunkt, denn der Talmud auf den es sich gründet, bedeutet nur eine Entwicklungsphase des Judentums und ihn als Endpunkt der Entwicklung ansehen, heißt seinen innersten Geist verkennen und verleugnen. Ich möchte noch zum Schlüße auch auf mehr praktische Ziele der Reformbestrebungen innerhalb des Judentums Hinweisen, die allerdings mit der Talmudfrage Zusammenhängen und sich zu ihr wie Folge zur Ursache verhalten. Ich meine den Religionsunterricht und den Gottesdienst. Schulen in denen das Judentum im orthodoxen Geiste gelehrt wird haben wir gerade genug. Derartige auf einem veralteten Standpunkte stehende Anstalten sind wahrlich nicht geeignet die Ziele der Reform zu fördern und Eltern, die ihren Kindern Religionsunterricht im Geiste und Sinne des reinen geläuterten Judentums erteilen lassen möchten, finden nur wenig Gelegenheit hierzu. Die Kinder hungern nach der reinen Lehre und man reicht ihnen Steine, sie dursten nach Erkenntnis und es fehlen die Wasser der lebendigen Lehre, darin Wandel zu schaffen gehört mit zu den Zielen der Reformbestrebungen. Auf die Jugend setzt man überall die größten Hoffnungen, an sie wendet man überall den größten Eifer und die größten Opfer. Darin dürfen wir nicht zurückstehen. Man lehre nur die Jugend weiter wie bislang, der Mittelpunkt des Judentums liege in überlebten Ceremonieen, in einer weitausgesponnenen, die Gesinnung zerstörenden Ritualistik und sie wird später in's Leben hinausreifend, ohne daß es sie, wie die Erfahrung lehrt, die geringste Ueberwindung kostet, das ganze Judentum als eine Last betrachten statt es als eine Lust zu empfinden. Und unser Gottesdienst, er dauert zu lang und wirkt auf Geist und Herz derjenigen, die des Hebräischen nicht kundig sind, nicht mächtig genug ein und die Frauenwelt und die Jugend steht ihin zu ferne. Von der Kanzel muß wieder, wie in den Jahren des Aufschwungs, das Feuer der Propheten erstrahlen, das die öden matten Herzen durchglüht und die finsteren Geister erhellt. Die Thoravorlesungen müssen wie in den Tagen Esras aramäisch, in unseren Tagen zum mindesten auch in deutscher Sprache in geeigneter Weise gehalten werden. Wir haben über diese Frage, über Zeit, Art,

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