Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1893)
- Date
- 1893-04-01
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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75 Vereins verhallte wie die des Predigers in der Wüste. Ja seine Gründer, Vertreter und Verfechter wurden bekämpft und mit Undank belohnt und teilten das Loos aller der Männer, die, wie wir cs jüngst aus feindlichem Munde vernehmen mußten, verfolgt wurden, gerade weil sie an der Veredlung des Judentums gearbeitet haben. Doch genug hiervon, ich wollte das nur angedeutet haben, da es gestern zwei Jahre geworden, seitdem wir einen der bedeutendsten, gelehrtesten und charakterfestesten Männer zu Grabe geleitet habe», der neben Holdheim, Einhorn, Geiger ein unentwegter Vorkämpfer für die Sache der Reform gewesen, der die Fahne nicht gesenkt und die Waffen nicht aus den Händen gelegt, bis sie ihm der Tod jählings entriß. Meine Herren! Wir müssen offen gestehen, die Art, wie bis jetzt die Verteidigung des Judentums in gewissen Kreisen geführt wurde, war eine durchaus planlose und verfehlte. Anstatt tüchtiger Generäle haben oft gewöhnliche Soldaten den Feldzugsplan entworfen, und anstatt die Kräfte zu sammeln, um eine entscheidende Geistesschlacht zu schlagen, durch die allein dauernder Sieg errungen werden kann, rieb man die Kräfte in einzelnen unnützen Kleingefechten auf. Die Waffen des Geistes müssen wir hervorholen und mit Wahrheit und mit Mut müssen wir uns rüsten, zwei Eigenschaften, die freilich immer seltener werden in einer Zeit, deren Charakter Charakterlosigkeit geworden und in der man die Weisheit durch Klugheit ersetzen zu können glaubt, und die Ziele dürfen wir nicht aus dem Auge lassen, auf die die Edelsten und Besten uns stets hingewiesen haben. Es ist nicht gut möglich in knapp zugemessenener Zeit das Thema nach den Zielen der Reformbestrebungen innerhalb des Judentums seinem ganzen Umfange nach zu behandeln, darum wollen wir heute hier zunächst nur zwei solche, die actuelle Bedeutung haben, näher in's Auge fassen. Meine Herren! Wenn man heute am meisten von der Seite, wo man den Talmud vielleicht noch nie gesehen, geschweige denn gelesen hat, gegen ihn zu Felde zieht und seine Moral eine schlechte, eine verworfene nennt, dann hilft es nichts, wenn man diese Weisheitsquelle vergangener Tage in Schntz nimmt und Abhandlungen über die Moral des Talmild schreibt, in welchen man das Gegenteil nachzuweisen sucht. Uns ist der Talmud gewiß als religionsgeschichtliches Buch ein Werk von unschätzbarem Werthe und auch die Ethik, wie sie sich in den Sprüchen der Väter und sonst ausspricht ist noch nicht übertroffen, ja noch nicht einmal erreicht. Wir möchten den Talmud, diese reiche Fundgrube historischen Wissens um keinen Preis in unserer Litteratur missen, denn er ist von culturhistorischem Standpunkte aus betrachtet, von großem Werthe für die Geschichte des menschlichen Geistes und seiner Entwicklung und auch die Geschichte der Entstehung des Christentums, seines Lehrinhaltes und seiner uns entnommenen Ethik ist, ohne ihn, nicht zu verstehen. Welch' Aufhebens macht man nicht mit den in neuerer Zeit in Schwung gekommenen Ausgrabungen. Von jedem noch so unbedeutendem Funde wird mit der größten Ausführlichkeit und mit einer bis in's kleinste gehenden Genauigkeit berichtet. Hier im Talmud haben wir solche Funde auf jedem Blatte vor uns und mit einer lebendigen Anschaulichkeit liegen reiche Schätze der Vergangenheit vor uns aufgespeichert, allerdings neben dem Golde auch der Staub noch. Wir belauschen, wenn wir im Talmud lesen, das ganze Leben einer untergegangenen Welt und das Treiben vergangener Tage tritt vor unser Geistesauge hin. Ja der Talmud ist auch der beredteste Zeuge der Entwicklungsfähigkeit des jüdischen Geisteslebens.