Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1893)
- Date
- 1893-04-01
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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einem jüdischen Schriftsteller verfaßt wurde, der dem kranken Judentume Arznei reichen will und nicht Gift, wie es in dem vorgedruckten Motto heißt. Der Verfasser will in die Fluth der Tageslitteratur nicht eine Broschüre hineinwerfen, die augenblicklich Wellenringe um sich zieht, um dann wieder zu verschwinden, nein er will, weil er seine Gedanken und Vorschläge in sechs Thesen, die wir an sich an einem Discussionsabend behandeln werden, klar zusammenfaßt und zu Ausdruck gebracht auch, daß die gebildeten Juden Deutschlands, die die moderne Culturströmungen nicht abwehren, zu derselben Stellung nehmen, aus der Gleichgültigkeit, die ihre Schaffenskraft lähmt, erwachen, und zu einer rettenden Thal sich aufraffen. Man mag über diese Schrift denken wie man will, soviel kann man aus ihr immerhin lernen, daß man in denkenden Kreisen über die Ziele der Reformbestrebungen innerhalb des Judentums nach Klarheit ringt, daß man Ernst damit zu machen beginnt, die Früchte vom Baume der Reform zu pflücken und das, was man wissenschaftlich erkannt hat, in's Leben einzuführen und zur Richtschnur des Wirkens zu machen. Hervorgerufen wurde diese Schrift durch den unglücklichen Gedanken des Berliner-Gemeindevorstandes, eine Abordnung an Se. Majestät den Kaiser zu entsenden und ihn um Schutz gegen die Antisemiten anzurufen. Schon der Gedanke allein, einen solchen Schritt thun zu wollen, der nur dadurch glücklicherweise nicht zur Ausführung kam, weil er wenig geheim gehalten wurde, zeigt, wie die scheinbar berufenste Vertretung der deutschen Judenheit, weil ihr das Verständnis für geistige Bewegungen abgeht, nicht geeignet ist mit Erfolg in den Kampf zu treten, auch schon darum nicht, weil eitle Furcht und thörichte Angst die maßgebenden Persönlichkeiten in diesen Kreisen beherrschen, die die Geister verwirren, Angst und Furcht, die da nichts nützen und helfen, wo Thaten nötig sind. Es ist bezeichnend für unsere Zeit, das man in der ersten und intelligentesten jüdischen Gemeinde des deutschen Vaterlandes, die richtunggebend sein soll und sein will, das Unterscheidungsvermögen so weit verloren, daß man Gleichberechtigung, Vorrecht und Unrecht nicht mehr aus einander zu halten versteht. Man glaubt sich in die alte Zeit der Judengasse zurückversetzt, an die man ja auch sonst, durch die Ertötung des lichten Geistes des Judentums, auf Schritt und Tritt gemahnt wird, in der die Juden die Obrigkeit um Schutz baten, weil sie es nicht wagen durften Recht zu verlangen. Wir müssen es lobend anerkennen, daß man sich in der erwähnten Schrift auf's allerentschiedenste gegen eine solch' falsche und verkehrte Stellungnahme zu den Kämpfen der Gegenwart verwahrt und daß sie sich von dem planlosen Durcheinander vorteilhaft abhebt, das man vielfach in jüdischen Kreisen begegnet. Meine Herren! Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören der wird es wohl erkennen, daß die unheilvolle Bewegung gegen die Juden sehr zugenommen, die Bewegung, niit deren anfangs ziemlich unbeachtetem Auftreten gleichzeitig geistig instinktiv, allerdings auch augeregt durch den inneren geistigen Verfall hier in Frankfurt a. M. von tiefer blickenden Männern der Mendelssohn-Verein in's Leben gerufen wurde, um nach außen und nach innen im Geiste der Zeit und im Lichte der Wissenschaft an der Neugestaltung des Judentums zu arbeiten, damit es fest dastehe und eingetreten in die Culturbewegung der Zeit, erstarke und unseren Feinden Achtung abnötige. Ja die feindliche Bewegung von außen die ist immer mehr und mehr gewachsen, aber die Stimme des Mendelssohn-