Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1893)
- Date
- 1893-03-01
- Page
- Seite 66 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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- 66 irre geführt werden. Dieses „Manifest des Geistes" soll eine tausendstimmig widerhallende Kundgebung sein für den welterlösenden Gedanken der Humanität, gegen die Bannerträger der mittelalterlichen Unduldsamkeit. Vor uns liegt ein Druckbogen des Werkes in einer Ausstattung, wie man deren wenige so prächtig zu sehen bekommt. Der Form nach ähnlich dem bekannten Selbstschriften-Album „Aus Sturm und Not", wird dieses Buch ein Schmuckstück des Hauses bilden. — In Pforzheim wurde am 27. December durch Herrn Conferenzrabbiner Dr. Schwär; ans Karlsruhe, die nach den Entwürfen des Architekten Prof. Ludwig Levy neuerbaute Synagoge, eingeweiht. Die Predigt ist im Drucke erschienen. In derselben heißt es: Wir sind und bleiben Semiten und wahrlich, wir sind stolz auf diese unsere semitische Abstammung, denn als Semiten haben wir — ich sage nicht der Welt einen Gott gegeben, sondern die wahre und klare Erkenntnis Gottes der Welt gebracht uno erhalten. Ja wir sind und bleiben Semiten, aber wir sind und bleiben deutsche Semiten, denn deutsch ist unsere Bildung, das Deutsche ist unsere Muttersprache, wir reden deutsch, wir denken deutsch, wir fühlen deutsch, deutscher vielleicht denn mancher, der sich als Urgermane geberdet. Unser Glaube ist der jüdische, aber unsere Nationalität ist die deutsche, deß ist Zeuge unter anderem auch die Synagoge, in welcher nicht blos deutsch gepredigt wird, sondern in welcher auch neben dem hebräischen Gebet das deutsche Lied, Heimatrecht erlangt hat. - Am 23. Januar starb in Berlin Herr Dr. David Kassel, der fast ein halbes Jahrhundert daselbst eine segensreiche Lehrthätigkeit entfaltete und durch seine hervorragenden, wissenschaftlichen Leistungen, zu den bedeutendsten jüdischen Gelehrten dieses Jahrhunderts gezählt wird. Er wirkte in den letzten Jahren als Docent an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums i» Berlin. An seinem Grabe sprachen die Herren Rabbiner Dr. Maybaum, Dr. Rofenzweig, Dr. Blumenthal, Dr. Joel Müller und Herr stud.-phil. Warschauer. — Im Alter von 75 Jahren verstarb am 29. Januar der emeritirte Oberlehrer Herr Alerander Elsässer in Crailsheim. Wir haben in ihm einen geschützten Mitarbeiter verloren und werden sein Andenken stets in Ehren halten! — Die älteste Einwohnerin von Siegburg und der ganzen Rhein- Provinz, Frau Wwe. Stern, die erst ihren 103. Geburtstag feierte, ist jüngst gestorben. — Mit Herrn Moritz Höchster, der am 27. Januar in Frankfurt a. M. gestorben, ist der letzte Träger einer Einrichtung dahingegangen, deren Beginn in frühere Jahrhunderte zurückreicht und deren Aufhören in das vorletzte Jahrzehnt der freie» reichsstädtischen Geschichte fällt. Es handelt sich um die Institution der sogenannten „Jndenbriefträger". Wohl schon im 17. Jahrhundert, verbürgtermaßen aber seit Mitte des 18. Jahrhunderts war in Frankfurt zur Besorgung der Briefe in jüdische Häuser eigens ein „Schutzjude" mit Turn- und Taxis'schen Privilegien bestellt. Dieses »ach und »ach recht einträgliche Postbotenamt blieb hundert Jahre hindurch in der Familie Schuster, bis es durch die veränderten Zeitverhältnisse in Wegfall kam Im Jahre 1846 trat der letzte „Judenbriefträger", Jsak Kayum Schuster in den Ruhestand Die Inden wohnten zerstreut unter ihren christlichen Mitbürgern in allen Teilen der Stadt, die Thore des Ghetto waren längst niedergerisscn. Der Nesse und bisherige Gehilfe Schuster's Moritz Höchster, verblieb weiter im Postdienste, jedoch unter den gleichen Bedingungen und mit den gleichen Pflichten wie seine christlichen Kollegen. Als im Jahre 1867 die Postverwaltung preußisch wurde, setzte der schon betagte Mann seine Laufbahn im preußischen Staatsdienst fort. Späterhin pensiouirt, erfreute er sich eines ruhigen Lebensabends, bis ihn im 84. Lebensjahre der Tod