Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1893)
- Date
- 1893-03-01
- Page
- Seite 64 (sequence 16)
- Language
- German
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64 aus den höchste» und feinste» Kreisen. Am Hofe Neros (54—68) waren die Töchter der Gens Flavia, die Valeria und Veturia, mit vielen Andern, dem Judentnme ergeben. ') Auch die Kaiserin Papäa, die Gemahlin Nervs, gehörte zu denselben, sie wurde als „gottesfürchtig", bezeichnet, war stets bereit, jüdische Bittgesuche beim Kaiser zu befürworten,z) und verlangte, »ach jüdischer Sitte bestattet zu werden, was ihr auch Nero gewähren ließ.'') Ebenso wird angegeben, daß der Vetter Domitians. Flavins Clemens und dessen Frau Domitilla wegen Atheismus, Hinneigung z»m Judentnme, angeklagt wurden, von denen Ersterer hingerichtet und Letztere auf die Insel Pandataria verbannt wnrdeH. Noch kennt man eine römische Proselytin Veturia Paulla (oder Panlina), die im 70. Jahre Jüdin wurde und den Namen „Sara" erhielt; sie führte den Ehrentitel „Mutter der Synagoge" und wurde 86 Jahre alt. Von ihr hat sich noch eine Grabschrift erhalten?) Wir unterlassen es nicht, hier noch zu erwähnen was der Dichter Juvenal zur Charakterisierung dieser Zeitströmung in Rom für das Judentum vorbringt. „Es suchen alle Geängstigten und von schweren Träumen Erschrockenen in der Synagoge Trost und Aufrichtung. Der Uebertritt zum Judentunl geschieht mit solchem Eifer, daß einer Frau, die mit ihrem Kinde übertrat, beim Untertanchen in der Tiber, um das übliche Proselytenbad zu nehmen, das Kind tot wurde, weil es fieberkrank die vorgeschriebene Waschung vornahm.°) Die übergetreteueu Römer verleugnen Verwandte und Familie, fasten am Donnerstag, ruhen am siebenten Tage und halten sich streng an die Speisegesetze.s) Nach solchen geschichtlichen Angaben von dem Drange der Heiden zum Judentume, nach diesen Berichten von der weiten Verbreitung seines Gottesbekenntnisses mit seinen Lehren und Gesetzen und dem begeisterten Uebertritte zu demselben drängt sich uns die Frage auf, wie kam es, daß diese Bekehrung der Heiden zum Judentume des 1. u. 2. Jahrh. nicht in den folgenden Jahrhunderten fortgesetzt wurde, und daß es sich schon im 3. Jahrh. darin durch das aus ihni hervorgegangene Christentum verdrängen und überflügeln ließ? Verschieden fällt darüber die Antwort aus. Einige nehmen an, daß die vielen Zeremonieen und Gesetze den Uebertritt später erschwerten. Andere geben die Verquickung der jüdischen Religion mit dem Jüdisch-Nationalen, wozu Viele sich nicht finden konnten, da sie ihre eigenen Nationalität nicht anfgeben wollten, als Grund hierfür an. Wir sehen von diesen Angaben ab und glaube», daß die Völker des Altertums zur Aufnahine der reinen biblischen Gottesidee mit ihren Lehren der Gott- und Menschenliebe noch nicht genug herrangereift waren. Dieselben konnte» nnr unter starken Modificationen und mit vielen Conzessionen an die heidnische Glaubens-, Denk- und Lebensweise bei den Völkern Eingang finden und eine Massenbekehrnng hervvrbringen. Gewohnheiten, mit denen man verwachsen ist, lassen sich nicht bei Volksmasseu durch Annahme fremder Lehren und Sitten verdrängen; es müssen erst Uebergänge, und Accmodatiouen stattfinden. (Schluss folgt.) ') Joseph. Antt. 18.3.5. Sucton, Domitian 15. Renan, Paulus S. 129—135. s) Joseph. Antt. XX 8. 11, Vita 3. 3) Tacit., Annal. 10. 0. Jos. Antt, 14. 7. 4. 4) Dio Cassius im Auszug des A'ephilinus 87. 12. Auch das jüdische Schrifttum erzählt von der Hinrichtung des Proseliste». Von diesen soll, »ach christlichen Autoren. Domitilla dem Christentum angehört haben, ry 8chrirer, Gemeindeversassung der Juden in stioni in der Raiserzeil, Leipzig 1879. S. 35. No. II. 'JJiait will dieselbe mit der oben genannten Veturia oder Valeriaidentisch halten. Graetz, Jahresbericht Breslau 1884. S. 24—25. Juvenal, Sat. IV. 0. 544. II. 3. 288 ff. 7) Tacit. XV. 5. “) Juvenal XIV. 95.