Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1893)
- Date
- 1893-03-01
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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56 Der atte Wurschtin und sein Enkel'. von Leopold von Sacher-Masoch. (Schluß.) (Nachdruck verboten.) Und als Nathanle zwanzig Jahr alt war und heiraten sollte, da ging der alte Burschtin mit ihm eines Tages durch, genau so, wie er es gemacht hatte. Der Alte hatte sich einen Notpfennig in einem morschen Birnbaum geborgen, den holten sie sich nachts und wanderten zusammen hinaus in die weite Welt. Sie kamen durch verschiedene Orte. Im Dorfe Wielka fanden sie Nachtquartier bei einem Juden. Die Nacht war schön und hell, und so ging Nathanle hinaus und schleuderte in der Dorfstraße umher. Er kam bis zur Schenke und trat hier ein um ein Gläschen Bier zu trinken. Als er zurückkam, war der alte Burschtin auf der Bank beim Ofen eingeschlafen. Nathanle schüttelte ihn und rief: „Hör, Großvater, ich habe sie gefunden." „Wen hast du gefunden?" fragte Burschtin erstaunt. „Meine Frau," erwiderte Nathanle, „die Tochter des Schenkwirts Burowitz, Deborah, ein Mädchen, so schön und klug wie kein zweites." „Sehr gut, sehr gut," murmelte Burschtin, „aber das ist noch nicht alles. — Wer ist reich? sagt der Talmud. Wer eine schöne Frau hat, er fügt aber hinzu, „schön besonders an Charakter. — So will ich denn erst hingehen und will den Charakter des Mädchens prüfen." Der Alte hatte keine Ruhe. Er zog sich an und ging mit Nathanle hinaus auf die Straße. Er ließ sich bis zur Schenke fuhren, und dann trat er ein und gab sich für einen Bettler aus, der auf das Mitleid frenider Menschen angewiesen ist. Es bedurfte nicht vieler Worte. Deborah war schon durch den Anblick des alten blinden Mannes gerührt, sie nahm ihn unter den Arm, führte ihn vorsichtig zu dem nächsten Stuhl, hieß ihn niedersitzen, tischte ihm alles auf, was das Hans nur zu bieten vermochte, setzte ihm sogar ein Glas prächtigen Ungarweins vor und behandelte ihn mit soviel Ehrfurcht und Güte, daß dem alten Burschtin das Herz vor eitel Freude aufging. Als er gegessen und getrunken hatte und Deborah ihm noch ein Nachtlager im Hause anbot, da nahm er sie bei der Hand und sprach: „Das ist zu wenig, ich will mehr. Sei mir nicht böse, daß ich mich verstellt habe und als armer Bettler zu dir gekommen bin, um dein Herz zu ergründen. Ich bin nicht so arm als ich scheine. Ich bin der alte Burschtin aus Separowize und will dich zur Frau haben für meinen Enkel Nathan, der eben hier war und sich in dich vernarrt hat. Ich wette, er steht draußen vor der Thür". „Ja," sagte Deborah, „ein junger Mann steht draußen." „Ist er hübsch?" fragte Burschtin mit einem schlauen Lächeln. »Ja." Gefällt er dir?" „Ja, er gefällt mir gut." „Daun ist es mein Nathanle. Komm herein, Nathanle, es ist alles in Ordnung." Nathanle trat etwas verlegen herein, nahm Deborah bei der Hand, und die jungen Leute begannen mit einander zu sprechen. Doch das alles währte dem alten Burschtin viel zu lange.