Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1893)
- Date
- 1893-02-01
- Page
- Seite 38 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Kreisen zu diesem Amte berufen wurden, — nachdem sie bis dahin z B. Handelsgeschäfte betrieben hatten. Es gab eben damals wohl eine Unterscheidung zwischen Gebildeten und Ungebildeten. — Der Unterschied lag in der mehr oder minder eingebenden Kenntnis der jüdischen Sckriftschätze - nicht aber eine Trennung zwischen Rabbiner und Laien. Jeder Bibel- und Talmudkundige galt dem Rabbiner gleich; galt, sotveit er hierzu befähigt, auch als berechtigt, in seine Stelle zu treten, ihm bei öffentlichen Disputationen Einwendungen zu machen. Unser altes, wohl tausendjähriges Gebetbuch enthält — wenn ich von eigentlichen, dem Talmud entnommenen Gebeten absehe — aus dem Talmud bezeichnender Weise nur vier Stücke: im Frühgottesdienste, die schöne Mahnung an den Wohlthätigkeitssinn. Eie - dewarim: Dir ist, o Mensch, in Ueberfluß Ein Kapital bestellt, Für's Leben hier zum Zinsgenuß, Der Stamm gilt jener Welt. Eltern liebe, Gutes übe, Gäste hege, Kranke pflege. Erfreue die Bräute, Gieb Todten Geleite Fördere den Frieden, Daun ist schon hienieden Dir Seligkeit beschieden — und „ese mekomim,“ eine Abhandlung über Opfer, mit dem höchst geistvollen Schluß über die verschiedenen Schlußfolgeruugsmethodeu. Der Sabbatabendgottesdienst enthält ein talmudisches Stück „bame madlikin“ über die am Sabbat statthaften Beleuchtungsarten. Endlich für den (Sommer-) Sabbatnachmittag enthält das Gebetbuch die Perle seines Gesammtinhalts überhaupt: die herrlichen talmudischen Sprüche der Väter, mit ihrer unübertroffenen, unübertrefflichen Lebensweisheit, mit ihrer Betonung der Menschenliebe, des Wohlwollens, des guten Herzeus. Wie oft habe ich, gelangweilt durch den öden hebräischen Gottesdienst, durch das widerwärtige Ausrufen und Vorlesen unverstandener, ja mitunter mit gutem Grund unübersetzt zu lassender Bibelstellen, mich an diesen herzerquickenden talmudischen Vätersprüchen erlabt. Nun, und diese Vätersprüche, jene Mahnung — das Programm der in jüdischen Gemeinden bestehenden Wohlthätigkeitsvereine — sie sind in der That das Einzige, was uns modernen Juden vom Talmud verblieben. Alles Andere ist wie „ese mekomim“ und „bame madlikin“ mit Fug verschwunden Wenigstens aus dem Gesichtskreise der nichttheologisch Geschulten. Ob für die jüdischen Theologen heutzutage, die Tonlegung auf den Talmud, und die, vieljähriges Studium desselben erforderliche Beschäftigung mit ihm nötig, das ist eine andere Frage. (Fortsetzung folgt.)