Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1893)
- Date
- 1893-02-01
- Page
- Seite 37 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969795-2969798--3777-2973330- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 37 — macht, der muß sich entsetzt abwenden vor der Verleumdung, als sei der Talmud ein Lehrbuch der Verbrechen, der Unduldsamkeit, der Uusittlichkeit. Ich bin kein Kenner des Talmud, ich habe ihn nicht stndirt. Aber was ich aus ihm und was ich über ihn gelesen habe, das hat in mir die Ueberzeugung gekräftigt: es ist die schnödeste Verleumdung» wenn inan die Moral des Talmud augreift. Das Riesenwerk des Talmud ist in seiner Art ganz ebenso groß- und eigenartig, wie das der sogenannten heiligen Schrift. Es ist ein Zeugnis wissenschaftlicher Vertiefung und Gründlichkeit auf allen Gebieten der Wissenschaft jenes Jahrtausends, in welches die Entstehung des Christentums fällt. Da ist nichts Menschliches, nichts Menschenwürdiges fern Astrononiie, Mathematik, Medizin, Philosophie und Theologie finden, allerdings im theologischen Gewände, ihre Vertretung. So ist denn in der That der Talmud für die Juden bis zum Beginn dieses Jahrhunderts, ja für die russischen und polnischen heute noch, die Bildungsquelle gewesen, die ihnen Gymnasien und Universitäten, die ihnen ja zumeist unzugänglich waren, gewissermaßen ersetzten, beziehungsweise doch die formale und sachliche Vorbildung gaben, daß die Talmudkundigen ihre Mitschüler und Mithörer in Gymnasial- und Universitätsbildung rasch ein-, ja überholten. Die erzieherische Macht des Talmud, die ich aus einem ganz anderen Grunde heutzutage für verderblich halte, hat bisher, das muß umso entschiedener betont werden, Jahrhunderte hindurch die Juden gekräftigt und gefördert. Was hat in den düsteren Tagen des Mittelalters den gehetzten, gedrückten, verachteten Juden aufrecht erhalten, was hat ihn vor Verwilderung, vor Verrohung, vor Versumpfung und Vertierung geschützt? Was bot ihm, dem von allein öffentlichen Leben ausgeschlossenen, der keine Lateinschule, keine Universität besuchen durfte — seltene Ausnahmen bestätigen die Regel für die verflossenen Jahrhunderte — dem Absperrung und Gehässigkeit von außen, Engherzigkeit und Aengstlichkeit daheim, den Besuch von Stätten der Kunst und Wissenschaft, ja das Lesen deutscher Bücher untersagte — was bot ihm Ersatz, was hinderte seinen geistigen Verfall, was stählte ihm den Scharfsinn, was nährte seinen Verstand, labte sein Gemüt? Die Bibel und der Talmud, dieser die Fortsetzung von jener. In ihnen lasen und forschten die Gelehrten nicht nur, sondern für Jeden, der Anspruch auf den Namen eines Gebildeten — im Gegensatz zum Amhaarez, zum rustivrm — machte, mochte er auch irgend welchen profanen Beruf haben — galt es als Ehrensache, sich in den Sabbat- und Mußestunden dem Studium dieser hebräischen Schristschätze hinzugeben Wie in der talmndiscken Zeit hervorragende Gelehrte, talmudische Autoritäten, Handwerker waren, — wie z. B. ein bedeutender Talmudlehrer mit dem Beinamen Sandler, der als Sandalen-Schuh-Macher anfgeführt wird — so haben auch in späteren Jahrhunderten die großen jüdischen Religionsschriftsteller sich nicht etwa, und nicht ausschließlich ans Bernfstheologen herausgebildet. Vielmehr brachte es die Vielseitigkeit gerade des in den Jünglingsjahren studirten Talmud von selbst niit sich, daß sich Männer der verschiedenartigsten Berufe unter denen befinden, deren Commentare zur Bibel, zum Talmud, den jüdischen Schriftschatz bereicherten und noch heute zu den hervorragendsten zählen: namentlich Aerzte, Staatsmänner, Kaufleute. So kam es denn auch, daß bis zum Anfang dieses Jahrhunderts viele der nanlhaftesten Rabbiner aus profanen