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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1893-02-01 · Heft 2 (1.2.1893) · p. Seite 35

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 2 (1.2.1893)
Date
1893-02-01
Page
Seite 35 (sequence 11)
Language
German
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Darum ist eS ein sinniger altjüdischer Brauch, daß wir uns, ehe man in die Erde bettet, was an einem geliebten Menschen sterblich und vergänglich war, noch ein Mal an ihn wenden, nm seine Vergebung zu erbitten dafür, daß wir ihn während unseres gemeinsamen Erdenwallens gar manchmal unrichtig beurteilt oder gar gekränkt haben- Mag diesem alten Brauche gegenüber dem allverehrten Heimgegangenen, der auf dieser Bahre liegt, und dem das letzte Wort ins Grab nachzurufen, Sie mich beauftragt haben, von mir in der Weise genüge geschehen, daß wir zunächst auf das Lebensbild, das uns eben drei Meister der Rede von ihm entworfen haben, noch einen bewundernden Blick senden; uns dasselbe tief in die Seele einprägen, und dann ans der Erkenntnis seines Wesens die Gewißheit schöpfen, daß seine Seele keinen Groll kennt, sondern, wie er während fast eines halben Jahrhunderts jeden gottesdienstlichen Vortrag mit Worten des Segens schloß, er auch jetzt vor dem Allvater für uns betet und uns segnet. — Saul Isaak Kämpf war einer jener wenigen Gott begnadeten Lehrer der Menschheit, an welchen sich der Segen unseres Vorvaters Noah, wie er im Wochenabschnitte des nächsten Sabbaths berichtet und von unseren Alten erläutert wird, voll und ganz bewährt hat. Da wird uns nämlich erzählt, Noah habe einst ohnmächtig entblöst auf dem Boden gelegen. Der eine seiner Söhne habe nun schmähend und lästernd nach der Blöße des Vaters gezeigt, die beiden anderen aber, Sem, der Vater der Semiten, und Japeth, der Stammvater der Japhetiten oder Arier, hätten sich vereint, um schonend den Vater mit dem Gewände zu bedecken. Der wiedererwachte Vater hätte nun diese für ihr frommes Werk gesegnet. Nach der Erläuterung des Midrasch erhielt Sem durch diesen Segen das Ehrengewand seiner Religion, das Tallis, welches an die Gottesreligion mit ihren ewigen Wahrheiten und ihrem welteroberndem Sittengesetzt gemahnt; Japhet, der Stammvater der Griechen und der ihnen verwandten Völker, das Pallium, den Mantel der Philosophen, sie sollten scharf denken und herzgewinnend sprechen; sie sollten die Gesetze der Schönheit und Geistesgewandtheit der Welt offenbaren. Jahrhunderte gingen nun die Söhne Sems getrennt von denen Japhets durch die Welt, getrennt weilten ihre Lehren unter den Völkern. Der höchste Segen des Patriarchen: „Japheth mag wohnen in den Zelten Sems" oder wie es unsere Alten erklären: „Die Schönheit Japheths mag einziehen in die Zelte Sems" konnte lange, lange nicht zur Wahrheit werden. Israel lebte, kämpfte, starb durch das ganze Mittelalter für seine Wahrheiten, für seine Sittengesetze; der Schönheitssinn und die Redegewandtheit der Arier konnte in ihre Zelte nicht einziehen. So fand denn die neue Zeit, die im Anfang unseres Jahrhunderts herankam, unser Volk ohnmächtig und entblößt zu Boden liegen, wie die Söhne Noahs ihren Vater. Da gab es leider auch entartete Söhne unseres Volkes, welche schonungslos die Blößen unseres Volks- und Schrifttums aufdcckten und unehrerbietig verspotteten. Ohne Verständnis für den ehrwürdigen Werth unserer alten und mittelalterlichen Litteratur in das schändliche Lachen unserer Feinde einstimmten. Aber edle Söhne unseres Stainmes bedeckten schonend den ehrwürdigen Leib unseres Volkes, erweckten seinen Geist zu neuem Leben und sicherten sich seinen Segen für alle Zeiten. Von diesen Söhnen unseres Volkes *) lebten drei *) Zunz, Luzzato, Sachs, Graez, Jelinek (Gott schenke ihm dem einzig Ueberlebenden Moses Alter), seien hier namentlich hervorgehoben.

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