Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1893)
- Date
- 1893-02-01
- Page
- Seite 34 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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sah ich ein Mädchen. — Da gab mir's einen Schlag aufs Herz, als hätte ein Engel bei mir angeklopft. Und dann war es, als ob ein Bathkohl, eine Himmelsstimme spräche: „Diese soll deine Frau werden und keine andre." Ich erfuhr, daß sie Jeschka Weinreb hieß und die Tochter eines Uhrmachers war. Da ging ich denn hin und gab meine Uhr zum Reparieren, nur um das Mädchen zu sehen und mit ihr ein paar Worte zu wechseln. Und soviel Mühe sich auch der brave Uhrmacher mit meiner Uhr gab, ich brachte sie ihm jede Woche wieder zurück und behauptete, sie ginge noch immer nicht- Da geschah es. daß ich eines Abends Jeschka Weinreb allein im Laden fand. „Haben Sie etwa wieder Ihre Uhr zu reparieren?" fragte sie lächelnd. „Eigentlich," erwiderte ich, „ist es mein Herz, das der Reparatur bedarf. Das haben Sie in Unordnung gebracht, Fräulein Jeschka, und wenn Sie sich desselben nicht erbarmen, wird es wohl eines Tages stille stehen." Sie lachte und gestand mir, daß sie mir gleichfalls gut sei. So sprach ich denn mit ihrem Vater, und dieser meinte, er wolle erst sehen, ob ich auch Geschick zum Uhrmacher habe. Ich lernte also bei ihm, und die Liebe machte mich in einer Weise geschickt, daß ich den Alten bald an Kunst übertraf und er mir gern seine Tochter zur Frau gab. Dann erst kam ich nach Separowize zurück und versöhnte mich mit meinem Vater. Auch hier, wo ich selbstständig arbeitete, blühte mein Geschäft. Freilich kostete es schließlich mein Augenlicht, aber ich beklage mich deshalb nicht. Gott hat es gut mit mir gemeint, denn er hat mir die beste Frau gegeben, und ich habe meine Tage hindurch immer glücklich mit ihr gelebt. Hier ruht sie, schloß er auf ihr Grab deutend, sanft und friedlich wie sie gelebt. Gott gebe dir, Nathanle, daß du eine Frau findest wie diese, denn eine bessere findest du nicht." (Schluß folgt.) Worte -er Trauer, gesprochen an der Bahre des k. k Regierungsrates, Universitätsprofessor Dr. S. I. Kämpf, Rabbiner und Prediger in Prag von Rabbiner Dr. Aler Kisch in Prag. Verehrte Trauerversammlung! Wer unmittelbar an der Wand eines der Riesenbauten steht, welche durch ihre Anlage und durch ihre Ausführung seit Jahrhunderten bewundert werden, sieht gar oft nur die Flecken und Sprünge, die sich, so weit der Menschen Hände in die Höhe reichen, verunzierend am äußern Aufputz des Gebäudes befinden. Erst wenn er sich weiter dann entfernt, und die Umrisse des Kunstwerkes in ihrer Größe von unserem Auge erfaßt werden können, empfängt der Beschauer den Eindruck des überwältigenden Ganzen, und vermag es nach diesen Eindrücken zu würdigen. So geht es uns nicht selten im täglichen Umgänge mit großen Menschen, die unter uns wandeln. Wir sehen an ihnen nur so weit auf, als Menschen« schwäche an Menschengröße hinanreicht. Erst wenn sie uns verlassen» fassen wir ihre Größe, und ihre wahre Gestalt prägt sich unserem Sinne und unserem Herzen mit unverlöschlichen Zügen ein.