Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1893)
- Date
- 1893-02-01
- Page
- Seite 33 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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33 — '* ■ sein Enkel. Zu gleicher Zeit legte sich in dem Hause gegenüber der Arzt -deS Städtchens, Doktor Zuckerkandel, ein lustiger Weltmann und Freigeist, zum Fenster hinaus, um seine lange Pfeife behaglich zu schmauchen. Da sah er den kleinen Nathanle, wie er sich über den Zaun herüberneigte und deni schlafenden Nathansohn einen kräftigen Nasenstüber gab. Nathansohn schreckte empor, schüttelte sich, blickte umher und lehnte sich dann wieder in seinen Lehnstuhl zurück. Doch er hatte nicht lange die Augen geschlossen, so wiederholte sich unter steigender Heiterkeit des Doktors und des alten Burschtin dasselbe Manöver. Wieder fuhr Nathansohn auf, doch auch diesmal konnte er nichts entdecken. Als er den dritten Nasenstüber von Nathanle erhalten hatte, sprang er ans und lief wie rasend im Garten umher, während Doktor Znckerkandel laut lachte. „Was?" rief Nathansohn zu ihm hinauf, „Sie lachen noch, wenn 'nur ein Unglück zustößt, statt daß Sie mir Hilfe leisten? Offenbar bin ich sehr .krank." „Sie krank?" rief Zuckerkandel herab, „Ihnen fehlt gar nichts, Sie haben nur zuviel Geld, das ist Ihre ganze Krankheit." „So?" rief Nathansohn erbost „ist das etwa nichts, wenn ich einschlafe und bekomme jedesmal einen Schlag auf die Nase? das ist doch eine Krankheit! Sie müssen es besser wissen wie ich? Wie heißt diese Krankheit? Diese Krankheit erwiderte Zuckerkandel lachend, „heißt Nathanle Burschtin." „Wieso?" „Wieso? erwiderte der Arzt, gucken Sie mal gefälligst über den Zaun hinüber." „Oh! Du Gauner!" schrie Nathansohn und stürzte ans den Zaun zu, doch in diesem Augenblick war der alte Burschtin mit seinem Enkel bereits entflohen. * * * Als Nathanle zwölf Jahre alt war, sollte er verlobt werden. Sein Großvater eiferte mit einer Heftigkeit, die ihm sonst fremd war, dagegen. Eines Tages ging er mit ihm hinaus auf den Friedhof, und hierzwischen den uralten, windschiefen, bemoosten Grabsteinen sitzend, das Grab seiner Frau vor sich, begann der Greis: „Ich will dir was sagen, Nathanle: „Laß dich nicht überreden, um des Geldes willen zu heiraten. Wenn du glücklich sein willst, darfst du nur eine Frau nehmen, die du liebst, wie ich es gethan habe. Auch mich wollten sie zwingen, aber ich habe meinen Kopf gehabt und auch du sollst den deinen haben. „Drei Dinge erheitern das Leben," sagt der Talmud: „eine schöne Wohnung, schöner Hausrat, vor allem aber eine schöne Frau'" Dann freut man sich seines Weibes und ist fröhlich bei der Arbeit und in seinen, Geschäft. Unklug ist, wer allzu klug sein will, wer um des Geldes wegen sich niit einem Weibe zusammenspannen läßt, das nicht zu ihm paßt. Was ist Geld? Luft! Einbildung! Ein kluger thätiger Mann kann leicht Geld verdiene», aber der Klügste wird'nicht so leicht eine Frau, die ihm das Leben verleidet, wieder los. Siehst bu,; als ich in deinem Alter war, da wurde ich mit Lea Morgenrot verlobt, ich aber wollte sie nicht, weißt du auch warum? Weil sie einmal einen Kuchen hatte und mir nicht ein Krümchen davon abgab, nicht einmal eine einzige Rosine, und als ich zwanzig Jahr alt war und sie dennoch heiraten sollte, da ging ich meinem Tate durch, fuhr mit Pinkus Molchow geradeaus nach Leipzig zur Messe und blieb dann bei ihm in Lemberg und sparte mir ein hübsches Stück Geld. Am Sabbath spazierte ich einmal auf dem Wall, da gab es schöne Frauen und Mädchen genug, prächtig gekleidet, aber sie alle gefielen mir nicht. Plötzlich