Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1893)
- Date
- 1893-02-01
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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27 Bewegung des Bürgers, seine Propheten erheben ihre Stimme gegen die Könige, welche das Volkswohl mißachten; der Geist kann sich frei entfalten, krümmt sich nicht unter priesterlichem Zuchtstocke, kein Mensch wird zu einem Altar gedrängt und getrieben, kein Gewissen wird beschwert und belastet durch die Ännahme einer Scheinreligion. Das Judentum legt den Hauptwert auf die sittliche Lebensvollendung, auf die gute That, auf Liebe und Humanität. Gott findet mehr Wohlgefallen, lehrte der glaubenseifrige R. Ascher, an der Beobachtung der Gebote der Menschen gegen einander als an der Uebung solcher, die blos auf ihn selbst sich beziehen. Wären die Grundsätze des Judentums die herrschenden, so würde man weniger Asyle für Krieger und mehr Schulen erbauen, Volksschulen, Mittelschulen, Hochschulen, Stätten zur Verbreitung von Bildung und Wissenschaft. Denn das Judentum erhebt sich nicht auf dem Unterbau der Unwissenheit und der Dumpfheit, sondern auf der Grundlage der Erkenntnis und Erleuchtung. Ein roher, unwissender Mensch, lautet ein Spruch der jüdischen Weisen, kann nimmermehr wahrhaft fromm sein. Käme das Judentum zur Herrschaft, so würde überall Wohlhabenheit und Wohlthätigkeit verbunden werden Schon im grauen Altertum verbreitete es das Licht der Wohlthätigkeit, welches mildernd und erwärmend sich ergoß über Witwen und Waisen, Arme und Hilflose, Fremde und Einheimische, Juden uud Nichtjuden. Die Dürftigen, die Fremden, die verwitweten Frauen und die verwaisten Kinder bilden, nach einem rührenden Ausspruche der jüdischen Weisen, den göttlichen Hofstaat, weilen in der Nähe Adonais, werden von ihm in Schutz genommen und versorgt. Hier die Wohlhabenheit, dort die Wohlthätigkeit, hier die erwerbstüchtige Hand, dort die offene, welche den Armen hingestreckt wird — das ist ein jüdisches Symbol der jüdischen Lehre. Kurz, die Herrschaft des Judentums wäre eine Quelle des Segens und des Heils für alle Völker. Allein unsere unversöhnlichen Gegner wollen dies nicht gelten lassen, verbreiten vielmehr, daß wir eine Herrschaft anstreben, unter welcher die Völker erdrückt werden sollen, die uns freien Raum gewährt, um den Wohlstand unserer Mitbürger zu untergraben, sie auszubeuteu und ihren Besitz an uns zu reißen. Das, behaupten sie, ist unser Traum; Sonne, Mond und Sterne sollen sich vor uns beugen, Fürste» und Völker uns als ihre Herren und Gebieter anerkennen. In einer solchen Zeit muß jeder Bekenner des Judentums mit Josef ausrufen: „Meine Brüder suche ich", ich fühle mich eins mit ihnen, schließe mich ihnen aufs innigste an, rate, helfe, wirke und schaffe für den Triumph unserer heiligen Sache! „MeineBrüder suche ich", wie Josef die seinigen aufsuchte, um sich nach ihrem Wohle zu erkundigen, obwohl sie ihn durch ihren Neid uud ihren Haß bitter kränkten. Ja, ich suche auch meine nichtjüdischen Brüder, die mich anfeinden und mit ihrem Hasse verfolge», erkundige mich nach ihrem Wohl, fördere ihr Wohl, unterstütze alles, was ihr Wohl zu befestigen vermag, warte und warte, bis sie Alle geläutert, veredelt, versöhnt mit mir zusammen einen Bruderbund bilden, zu ihrem Heile und zum Preise Gottes! 3*