Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1893)
- Date
- 1893-02-01
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969795-2969798--3766-2973319- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
vön der gebieterischen und bezwingenden Macht eines bluttriefenden Kriegshelden zu erlösen und wie wurden sie belohnt für ihre Tapferkeit und Aufopferung! Ein Schrei der Verachtung und der Aufhetzung wurde gegen sie in deutschen Landen erhoben. Es toste und tobte später in verschiedenen europäischen Staaten, bald erhob die Freiheit stürmisch ihr Haupt und bald wurde sie niedergetreten, die Juden wurden bald bedrängt und bald als gleichberechtigte Staatsbürger anerkannt — und wohin sind wir heute gelangt? Keine Ruhe, keine Rast, keine Erholung, neue Aufregung, neuer Seelenkummer, neues Leid und Wehe! Man häuft Anklagen auf Anklagen, Beschuldigungen auf Beschuldigungen gegen uns. und wahrlich, es bedürfte einiger Stunden, um sie alle aufzuzählen. Wir wollen daher heute blos eine einzige Beschuldigung, die wider uns erhoben wird, herausheben und sie beleuchten. Die Söhne Jakobs nennen ihren Bruder Josef einen „Träumer", der von Herrschaft und Hoheit träumt und dem sie vorwurfsvoll zurufen: Willst du etwa uns regiere», oder über uns herrschen? Dei'selben Vorwurf schleudern die Gegner, Neider und Hasser des Judentunis in unserer Zeit den Juden ins Angesicht. Ihr wollt über uns herrschen, rufen sie aus, ihr erstrebt eine Weltherrschaft, um eure verderblichen Grundsätze zur Geltung zu bringen. Die Juden, dieses leidende, schwer geprüfte, gehetzte Volk, das nicht zur Ruhe kommen kann, und ihre Weltherrschaft! Setzen wir für einen Moment den Fall, daß das Judentum wirklich die herrschende Religion wäre, daß die Grundsätze, Lehre» und Forderungen desselben überall in den europäischen Staaten niaßgebend sein würden — was wäre die Folge davon? Würde diese Thatsache nicht den Völkern zum Heile und zum Segen gereichen? Das Judentum kennt keinen Racen- und Religionshaß, unterdrückt keine Rare und schmäht keine Religion. Auf den ersten Blättern der Thora liest man eine Völkertafel, auf welcher alle Stämme der Erde Raum finden: Semiten, Chamiten und Japhetiten, und der Ausruf des letzten israelitischen Propheten lautet: Wir Alle haben einen Vater, ein Gott hat uns geschaffen! Wäre nun, fragen wir, dieser Grundsatz des Judentums, wenn es zur Herrschaft gelänge, nicht ein reicher Segen für alle Nationen? Wäre es dann möglich, daß irgend ein Menschenstamm oder eine Confession in grausamer Weise gehetzt und verfolgt würde? Das Judentum ist eine Religion des Friedens, welche Friedfertigkeit, Einigkeit, Brüderlichkeit unter den Menschen fördert, seine Bekenner nicht zu blutigen Eroberern erzieht und den Helden des Schwertes nicht den höchsten Rang in der Gesellschaft anweist. Es gibt keine Judenflinten; das Ideal des Judentums, das seine Propheten vor Jahrtausenden aufgestellt haben, ist in den Seherworten ausgedrückt: Kein Volk wird wider das andere das Schwert erheben, die Kriegskunst wird nicht mehr erlernt werden, der Herrscher wird mit Gerechtigkeit sich umgürten und die Armen mit Gerechtigkeit richten. Ein Reich des Friedens wird blühen, die Menschheit wird friedlich und brüderlich mit einander^leben! Das Judentum ist eine Religion der Freiheit und wäre es die herrschende Religion, so würde die Freiheit überall blühen: bürgerliche Freiheit, politische Freiheit, Geistes-, Glaubens- und Gewissensfreiheit. Denn das Judentum duldet keine Tyrannei, keine Knechtung und Unterdrückung des freien Menschenj seine Geschichte beginnt mit der Befreiung aus Egypten, seine Gesetze schützen die freie