Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Der Schriftschatz über Juden und Judentum ist zwar riesengroß, an Umfang wie an Gehalt. Es fehlt also nicht au der Möglichkeit der Belehrung und Aufklärung für den, der sie ernstlich sucht. Aber er ist zum Teil schwer ergründlich, insoweit er in hebräischer oder aramäischer Sprache geschrieben ist; und zum andern Teil wird das Eindringen in diese Schriftwerke für den Uneingeweihten durch die Bücher erschwert, die sich als vermeintliche Auszüge daraus darstellen, aber in Wahrheit deren Inhalt entstellen. Seit der Zeit der Dunkelmänner (Qpistolao ollenrorum vironun) haben aus dem Judentum Ausgetretene, wie der ehemalige Fleischer und Vorbeter Pfefferkorn, sich durch Angriffe auf das Judentum und durch Fälschungen aus jüdischen Schriften bei ihren neuen Glaubensgenossen einzuschmeicheln gesucht, und diese verleumderischen Schriften Pfefferkorns, von einem Reuchlin bereits als Berleumduugeu gebraudmarkt, bilden die Grundlage für Eisenmengers „entdecktes Judentum" und für eine Menge von Schand- und Brandschriften gegen Judentum und Talmud, die bis in die neueste Zeit abgeschrieben und neu aufgelegt wurden, sie sind die Quellen für Rohling, der mit gleicher Wuth und gleichem Haß wie Juden und Talmud, auch Luther verunglimpft und dem die zahllosen Flug- und Fluchschriften unserer Tage Alles beharrlich nachbeteten, trotzdem er längst von gründlichen Kennern der talmudischen Quellen, auch solchen christlichen Glaubens und Urspungs sowie strenggläubiger Richtung, wie dem Leipziger Professor Delitzsch, dem Straßburger Nöldecke, dem Dresdner Wünsche, dem Berliner Strack, wissenschaftlich widerlegt ist. Giebt es doch Tausende und aber Tausende von Christen und Juden, denen das alte Testament, so wenig bekannt ist, daß sie Sätze wie: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst für Neuschöpfnugen des neuen Testaments halten! Ist es mir doch selbst vorgekommen, daß ein feingebildeter protestantischer Geistlicher gelegentlich eines Gesprächs über die Stellung des alte» Testaments zur Ehe, meine Behauptung, der Satz: „das Weib verläßt das Vaterhaus und folgt dem Manne" stehe im alten Testament, als irrthümlich bestritt, und ihn für eine neutestamentliche Errungenschaft erklärte. Allerdings war er aufrichtig genug, mir kurz darauf unaufgefordert zu schreiben, daß ich Recht gehabt. Und das alte Testament ist ja nur der allerdings granitne Unterbau des Judentums, wie er der des Christentums ja auch ist. Wenn schon dieser, beiden Religionen gemeinsame Untergrund so wenig und so Wenigen bekannt ist, >vie soll es da erst möglich sein, daß Christen, ja daß auch Juden die schriftschätzlicheu Obergeschosse hinlänglich kennen sollten, die sich auf dieses bibliche Gewölbe im Laufe der Jahrtausende aufgetürmt haben: die talmudischen, die rabbiuische» Schriften. Der Talmud! In den Augen und in den Schriften der Antisemiten ein Lehrbuch aller derjenigen Gehässigkeiten und Schändlichkeiten, welche in ihrer Phantasie spuken und deren Sport sie zuneigen. Was ist er in Wahrheit, was ist er den Jude» gewesen, was ist er den heutigen Juden? Wie das alte Testament, i» zwei Teile zerfällt: iu einen prosaischen und eine» poetischen — und zwar einen hochpoetischen, in der ganzen Weltliteratur so nicht wiederkehrende»: die Propheten, die Psalmen! — wie das alte Testament ferner ein Sammelwerk ist, bestehend ans alle dem, was seiner Zeit das öffentliche Recht im jüdischen Reiche bildete, ein codox judaicus, der religiöse, wohlfahrts- und sicherheitspolizeiliche, eivilrechtliche, strafrechtliche, prozessuale, staats- und völkerrechtliche Vorschriften umfaßt, ganz so verhält es sich mit dem viel-