Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 werfe sie nicht, sie leben fort gemäß den, Bunde, den ich mit ihnen geschlossen habe. Da vernimmst du den Nus des Propheten: „Wenn die Gesetze der Himmelskörper und der Meereswellen ihre Wirksamkeit verlieren werden, dann wird der Stamm Israels unter den Völkern aufhören." Allein nicht bloß den Juden ist die Bibel Himmelsthau, sondern auch allen Nationen. Zu einer Zeit als sie sittlich verkommen und verwahrlost waren, hat das Wort der heiligen Schrift sie gleichsam neu geschaffen, neu belebt, aufgerichtet, zu einer lautern Gotteserkenntnis und zur sittlichen Lebensführung erzogen. In der Stadt, welche nach Alexander dem Großen genannt luirb," befand sich eine der größten Bibliotheken, die teils bei einer Belagerung und teils durch den Fanatismus eines Gläubigen verbrannt wurde. Gewiß ist diese geschichtliche Thatsache tief zu beklagen. Die Werke großer Dichter und Denker sind verloren gegangen, der Lauf der Völkergeschichte ist aber dadurch nicht gehemmt worden. Was wäre aber das Los der Menschheit, wenn das letze Exemplar der Bibel bei der Einäscherung Zions durch die Römer wäre ein Raub der Flammen geworden? Hätte die Weltgeschichte nicht ganz anders sich entwickelt? .Die Menschheit ohne die Bibel, ohne das Gesetz der Thora, ohne die Reden der Propheten, ohne die Lieder der Psalmisten, was wäre sie heute? Der fette Boden, fahren die jüdischen Weisen fort, das ist die Mischnah, jene Sammlung von Lehren und Aussprüchen der großen Männer, welche das Judentum nach der schrecklichen Katastrophe am 9. des Monates Ab vor Verwirrung und Zerrütung bewahrten. Kein Tempel, keilt Altar, keine Opfer, keine Priester, kein Hoherpriester im Allerheiligsten, kein Cultus, wie er seit Jahrhunderten bestand: was sollte aus dem Judentum werden, und wie sollten» feine Bekenner einen Ausweg finden? Da erhoben sich die Lehrer der Mischnah, pflegten und bepflanzten den Boden des Judentums durch ihre Weisheit und ihre Einsicht. Als ein Weiser beim Anblicke der Tempelruinen bitterlich weinte und in den schmerzlichen Ruf ausbrach: Wie können wir jetzt, ohne Opfergaben mit Gott uns versöhnen! Da antwortete ihm Rabban Jochanan ben Saccai: Beruhige dich, nicht fehlt es uns an Sühnmitteln! Uns ist die werkthätige Menschenliebe geblieben. Hungernde speisen, das ist auch ein Speiseopfer; Thränen trocknen, das ist auch ein Traukopfer; Frieden stiften, das ist auch ein Friedensopfer; Menschen erfreuen, beglücken, das ist Weihrauchduft der zum Himmel emporsteigt. Eine Fülle von Getreide und Most, deuten die jüdischen Weisen, :'das ist der Talmud, das ist die Hagada, die liebliche, anmutige,' Herz -/und Geist' erfreuende Hagada, welche nach dem Ausspruche eines im Laufe dieses Jahres verstorbenen großen französischen Forschers, welcher der Darstellung der Bibel Jahre seines Lebens widmete, die Welt erobert hat. Um ihre gewinnende Form und ihren segensreichen Inhalt zu veranschaulichen, genügt es, an ihre Vorträge über den heute verlesenen Thora-Abschnitt zu erinnern. Wenn wir da lesen, daß der Patriarch Jsak das Hundertfache seiner Aussaat geerntet hatte, so heißt das nach der Hagada, daß er Saaten der Wohlthätigkeit mit vollen Händen ansstreute und dafür hundertfachen Lohn von Gott einsammelte und das ist der Ackerbau, den wir, die Nachkommen des Patriarchen Jsak, heute noch betreiben. Wir bebauen das Feld der werkthätige» Menschenliebe, üben Wohlthätigkeit gegen unsere Mitmenschen ohne Unterschied der Rasse und der Konfession. Wenn.wir ferner heute den Vers vernommen haben: „Die Stimme ist Jakobs Stimme, und die Hände sind Esau's Hände," so verwertet ihn ein Hagadist, um folgendes vorzu-