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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1891-10-01 · Heft 10 (1.10.1891) · p. Seite 232

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 10 (1.10.1891)
Date
1891-10-01
Page
Seite 232 (sequence 16)
Language
German
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232 feit des Bibelüb^rsetzens so häufig geltend gemachte Grund unter dem Zwange der'Verhältnisse in sich zusammen. Im Uebrigen halte ich es in sittlicher Beziehung sogar für einen Segen, daß die Kinder in unserer Zeit zum Teil die Bibel nicht mehr übersetzen und daher auch der Thorahvorlesung im Gotteshause ohne Uebersetznng nicht mehr zu folgen vermögen. Denn alle diejenigen Stellen der heiligen Schrift, welche am allerwenigsten für Kinder berechnet sind, können, wenn sie trotzdem von dem kindlichen Geiste aufgefaßt werden, bei diesem gar leicht eine Verwirrung der sittlichen Begriffe Hervorrufen, die für den künftigen Lebensgang des Menschen die bedauerlichsten Folgen haben kann. Und diese Gefahr liegt nahe, sobald das Kind die Bibel übersetzen und der Thorahvorlesung im Gottesdienste folgen muß. Denn eine abgekürzte hebräische Bibel existirt meines Wissens bis heute noch nicht. Es könnte also nur die unverkürzte heilige Schrift im Urtexte dem Kinde in die Hand gegeben werden. Da aber erfahrungsgemäß die meisten dieser Bibeln mit einer deutschen Uebersetznng versehen sind, die von den Schülern bei der Vorbereitung mit besonderer Vorliebe benutzt wird, so wird naturgemäß selbst wenn der einsichtsvolle Lehrer unpassende Stellen übergeht, der Blick des Kindes gerade auf diese übergangenen Stellen hingelenkt, es verschlingt dieselben um so gieriger in der beigefügten Uebersetznng, folgt ihnen auch wohl mit Aufmerksamkeit bei der öffentlichen Vorlesung im Gottesdienste, und die größte Gefahr für die sittliche Entwickelung des Kindes ist heraufbeschworen. Man wende hier nicht ein, daß die Kinder in früherer Zeit doch auch keinen sittlichen oder sonstigen Schaden genommen, obgleich sie damals die ganze Bibel übersetzt haben. Diese Behauptung entspricht insoweit nicht genau den Thatsachen, als durch das Uebersetzen ungeeigneter Stellen aus Bibel und Talmud doch wohl in früherer Zeit Geschlechter herangebildet wurden, die geistig frühreif, den Frohsinn der Jugend nur zu bald verloren. Ueberhaupt halteich es aber für bedenklich, gegenwärtige pädagogische Mißstände durch den Hinweis auf die langjährige Gewohnheit als berechtigt zu begründen. Auf diese Weise kann man schließlich jede ungerechte Forderung historisch als ein Recht Nachweise». Es gilt dies insbesondere auch von dem Lehrplan des jüdischen Religionsnnterrichtes der Gegenwart, der unmöglich dasselbe fordern kann und darf, wie der der Vergangenheit. In früheren Tagen, als die Juden, vom öffentlichen Leben ausgeschlossen, in den Judengassen ihr Dasein fristeten, konnten sie der allgemeinen Bildung entbehren und ihre Zeit weit mehr der Erlernung des Hebräischen zuwenden; heute aber, wo wir den Wettkampf im öffentlichen Leben mit aufgenommen haben, werden an die israelitische Jugend in Bezug auf allgemeine Bildung dieselben Anforderungen gestellt, wie an ihre christlichen Genossen und naturgemäß muß dadurch das Hebräische mehr in den Hintergrund treten, wenn anders wir eine Ueberbürdung verhüten wollen. Das ist die zwingende Consequenz der Emanzipation. Uebrigens soll man nicht vergessen, daß begeisterte Juden nicht durch das Uebersetzen der Bibel erzogen werden, sondern durch das Eindringen in den Geist des Judentums, der sich den Laien in der von gediegenen Fachmännern übertragenen deutschen Bibel nicht minder offenbart, wie in der Ursprache der Thora. Doch das führt mich zum Zweiten. Habe ich bis jetzt nachgewiesen, daß die heutigen Verhältnisse das Uebersetzen der Bibel im Rahmen des jüdischen Religionsunterrichtes nicht ermöglichen, daß ferner eine unverkürzte, über-

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