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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1891-10-01 · Heft 10 (1.10.1891) · p. Seite 231

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 10 (1.10.1891)
Date
1891-10-01
Page
Seite 231 (sequence 15)
Language
German
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231 daß für die Bibelforscher, die Theologen und Philologen, eine derartige Behauptung viel Wahres enthält. Es giebt manche Feinheiten in der hebräischen Sprache, die auch die beste Uebersetznng nicht genau wiederzugeben vermag, und nur der wird sie demnach recht erfassen, der das Bibelwort in der Ursprache versteht. Für den Fachmann ist daher die gründliche Kenntnis der hebräischen Bibel unerläßlich, aber auch nur für den Fachmann! Das Kind in der Schule, das im Religionsunterrichte doch wahrlich keine vergleichenden Sprachstudien treiben, sondern lediglich den hehren und erhabenen Geist des Judentums kennen lernen soll, mags sich's an den Uebersetzungen der besten Fachmänner genügen lassen, denn diese kommen dem Originale in der Uebertragung so nahe, daß das Kind aus ihnen weit besser den Geist des Judentums kennen lernt, als wen» es selbst mühsam und unter Benutzung mannigfacher Hülfsmittel einen Teil der fünf Bücher Moses ins Deutsche überträgt. Ja, ich gehe noch weiter. So sehr ich auf der einen Seite anerkenne, daß der Fachmann, der dem Studium der hebräischen Sprache viel Zeit und Kraft widmet, den Geist der Bibel dadurch an manchen Stellen klarer erfaßt, so sehr bestreite ich auf der anderen Seite, daß das Kind in der Schule, selbst wenn das Uebersetzen der Bibel im Lehrplane eine hervorragende Stelle einnimmt, überhaupt in den Geist der hebräischen Sprache eingeführt werden kann. Man vergegenwärtige sich doch nur, wie auch unter den denkbar günstigsten Verhältnissen immerhin nur ein ganz minimaler Teil der für den Religionsunterricht bestinimten Zeit dem Bibelübersetzen gewidmet werden kann, und man wird zugeben müssen, daß die Redensart, „die Kinder müssen in den Geist der hebräischen Sprache eingeführt werden" eine zwar schöne Phrase, aber nichts destoweniger eine Phrase ist. Nun wird hier vielleicht eingewendet, daß durch den Hinweis auf den Unterricht an Gymnasien und Realgymnasien die Unhaltbarkeit nieiner Behauptung dargethan werde. Im ersten Augenblick mag es vielleicht so scheinen; thatsüchlich aber vergißt man dabei, daß dem fremdsprachlichen Unterricht an den höheren Schulen eine ungleich längere Zeit gewidmet werden kann, als dem Bibelübersetzen in der Volksschule. So beginnt z. B. der lateinische Unterricht am Gymnasium mit dem 9. Lebensjahre des Schülers und dauert bis zum 18. Lebensjahre; in den Unter- und Mittelklassen umfaßt er wöchentliche neun, in den Oberklassen acht Stunden, und trotzdem kann man von den Abiturienten nicht gerade immer behaupten, daß sie in den Geist der lateinischen Sprache eingedrungen wären. Nun bedenke man demgegenüber, daß unter den denkbar günstigsten Umständen die gesetzlichen Bestimmungen dem Bibelübersetzen im jüdischen Religionsunterricht der Volksschule höchstens zwei Stunden wöchentlich ermöglichen, daß ferner dieser Unterricht schon mit dem 14. Lebensjahre des Kindes sein Ende erreicht, während er init dem 10. Lebensjahre beginnt, und man wird mir weiter zustimmen müssen, wenn ich sage: Die Behauptung, daß das Kind in den Geist der hebräischen Sprache durch das Bibelübersetzen eingeführt werde, ist nichts weiter als eine Phrase. Ist somit uachgewiesen, daß die beschränkte Zeit des jüdischen Religionsunterrichtes ein tieferes Eingehen auf die hebräische Sprache, bez. ans das Uebersetzen der Bibel geradezu unmöglich macht, so ergiebt sich des Weiteren daraus, daß die Kinder unter den heutigen Verhältnissen keineswegs mehr soweit gefördert werden können, daß sie im Stande sind, der Thorahvorlesung im Gotteshause ohne übersetzte Bibel zu folgen; es fällt somit auch dieser letztere für die Notwendig-

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