Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1891-10-01 · Heft 10 (1.10.1891) · p. Seite 226

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 10 (1.10.1891)
Date
1891-10-01
Page
Seite 226 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2969669-2969782-2969792--3340-2973244
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

226 den Ländern des Orients und Occidents, welche aus dem Heidentum ins Judentum übertraten. Denn die Ideen des Judentums hatten sich schon früh ausgebreitet und die Herrschaft des Heidentums untergraben, das biblische Schrifttum war in Uebersetznngeu und besonderen Schriften allgemein verständlich gemacht oder durch das praktische Leben der Juden den Völkern näher gerückt; hellenistische Schriftsteller suchten das Judentum deu Anschauungen und dem Leben der Heiden adäquat zu machen, und so entstand das Christentum aus dem Judentums und mittels desselben, um das Heidentum von seine» Jrrtümern und Verkehrtheiten zu erlösen, und den Völkern das Heil (jeschna) jüdischer Gotteserkenntnis und Sittenlehre zu bringen, die Völker des Heidentums für ein Leben in allgemeiner Gerechtigkeit und Nächstenliebe zu gewinnen. Die christliche Mission bezweckt nichts anderes; sie will die heidnischen Völker erziehen, die Juden bedürfen selbstverständlich der christlichen Erkenntnis nicht. Das Judentum wiederstrebt demnach auch der christlichen Mission für die Völker nicht, es unterstützt und billigt dieselbe vielmehr. Wenn es sich nicht direkt daran beteiligt, so liegt dies daran, daß das Christentum, obwohl ursprünglich von der reinen Lehre des Judentums ausgegangen, diese nicht voll und rein den Heiden bringen und verständlich machen konnte. Wie es von der göttlich-mosaischen Lehre heißt: sie redet die Sprache der Menschen d. h. sie beqneint sich den Anschauungen und Sitten der Menschen an, so hat auch das Christentum heidnische Anschauungen und Sitten berücksichtigen und das Judentum demgemäß inodificiren müssen; in dieser Umgestaltung ist es den Inden zum Teil entfremdet. Das Judentum hat die Aufgabe, sich von derartigen wesentlichen Abänderungen fern zu halten und in seiner absoluten Reinheit und Wahrheit sich und der Welt zu bewahren, ohne damit sagen zu wollen, daß der Mosaismns in seiner vollen Ursprünglichkeit und tradirten Selbständigkeit für die Zukunft festzuhalteu wäre. Derselbe existirt sogar in seiner ersten Ursprünglichkeit schon lange nicht mehr; die Geschichte iveist vielmehr Wandlungen und Modificirungen an ihm nach, und selbst der Talmudismus ist sich beivußt, daß gar Manches in den alten traditionellen Gesetzen nur als vorübergehendes Erziehungsmittel dient, nur ein Durchgangspunkt für die Umgestaltung des Judentunis in der Zukunft ist, das später aufzuheben und nicht mehr zu erhalten sein werde. Von solchen Gesetzen und Einrichtungen heißt es: sie werden „batal" d. h. hinfällig. Auch der Ausspruch eines Talmudisten, daß derjenige, welcher den Heiden Torah, die Religion des Judentums lehre, also Proselyten zu machen suche, den Tod verdiene, widerspricht unserer Ansicht von der Menschenfreundlichkeit des Judentums nicht. Denn das Prinzip des Judentums fordert die propagandistische Verbreitung seiner Lehre, es hat indes schon früh durch die erzwungene Bekehrung des Brudervolks der Jdumäer sehr trübe Erfahrungen gemacht, da diese innere Feinde der Juden blieben und im Bunde mit den Römern dem jüdischen Staate und Volke nicht nur den Untergang bereiteten, sondern auch den Fortbestand der jüdischen Religion bedrohten. Aber auch die Heiden, welche dem Christentllm, als der Tochter-Religion des Judentums zugeführt wurden, beharrten in dem alten Gegensätze, tvorin Heiden- und Judentum einander gegenüber gestanden hatten; sie übernahmen vom Heidentum die gewohnte religiöse und politische Exclusivität und Intoleranz, und so ist es gekoinmen, daß die Christen harte Verfolger der Juden und ihrer Religion wurden und znm Teil bis heute geblieben sind. Das Judentum hat alle Jahrhunderte hindurch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.