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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1891-10-01 · Heft 10 (1.10.1891) · p. Seite 224

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 10 (1.10.1891)
Date
1891-10-01
Page
Seite 224 (sequence 8)
Language
German
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betritt, sich da heimisch fühlen, wie in dem Hanse seines Vaters, sich da verwandt fühlen unter den Andächtigen, als ob er unter Brüdern wäre? Ist das die Sprache der Unduldsamkeit, die alles, was sich ihr nicht fügt, von sich ausschließt und ferne hält oder hören wir da die Stinime des weltumfassenden Geistes, die von der Lehre des Judentums ausgeht? Ja nur aus einem Heiligtume, in dem ein Weltengott verehrt, in welchem es laut verkündet wurde, daß die ganze Welt der Wohnsitz des Herrn, daß das große All ein Tempel des Ewigen sei, konnte die Lehre ansgehen, daß alle Menschen dazu berufen seien, durch Thaten der Erkenntnis und des Friedens, der Frömmigkeit und der Nächstenliebe sich einander zu nähern und einen Bruderbund zu bilden, der geschützt wird von dem Vater, dem Ewigen, der in Weisheit und Liebe die Welten leitet. Wir finden, wenn wir das Jndentnm der Gegenwart betrachten, darin eigentlich keine einzige Wahrheit, die nicht schon von altersher uns überliefert ist, die nicht bisher stets sich in ihrer Gediegenheit erprobt und bewahrt hätte. Es ist auch nicht vorauszusehen, daß diese so durch und durch lauteren und lichtvollen Lehren unserer Religion je in Zukunft werden überholt und umgestoßen werden. Wahrheit bleibt Wahrheit und wenn auch der Strom von Jahrtausenden über sie dahinrauscht und was ein Werk der Lüge und eine Schöpfung der Gottlosigkeit ist, das fällt der Zerstörung anheim, wenn auch tausend Hände geschäftig daran arbeiten, wenn auch die finstere Leidenschaft, die von Gott uns losreißt, die letzten Kräfte ihm zuführt. Israel ist ein Volk der Zukunft, ein Volk der Hoffnung, weil es sie als eine feste und tiefe Ueberzeugung in sich trägt und so können wir denn fröhlichen Mutes, getrosten Sinnes, mit voller Zuversicht und unverlöschlicher Begeisterung es laut bekennen und offen verkünden: „Ich sterbe nicht, ich lebe fort, ich preise die Thaten des Herrn!" Wozu nicht die Juden gut find? Bekanntlich hört der Antisemitismus nicht auf, Fehler an den Juden aufzudecken, trotz der Vorzüge, geistiger und moralischer Art, welche Vorurteil und Feindseligkeit bei ihnen anerkennen müssen. So Nüchternheit, Enthaltsamkeit, Fleiß und Arbeitssanikeit, Bildungstrieb, geistige Ueberlegenheit, sittliche Strenge, religiöser Conservatismns, kindliche Pietät, patriotische Loyalität, familiäre Anhänglichkeit, nationaler Zusammenhalt, praktische Liebesthätigkeit. Es ist dies ein so reicher Fonds geistiger und moralischer Vorzüge, daß man schon um dieser allein willen Israel hochschätzen müßte; woher kommt denn nun dessen Geringschätzung und Verfolgung bei aller Welt in allen Zeiten? In der That scheint Rußland, welches jetzt die Inden neuerdings in grausamster Weise verfolgt und aus dem Lande jagt, sich diese Frage vorgelegt zu haben, und so paradox es auch klingt, die Verfolgung der Inden benutzen zu wollen, die guten Eigenschaften derselben sich nutzbar zu machen. Pobedonoszeff, bekanntlich die oberste Spitze der russischen Geistlichkeit, beherrscht den Zar in religiöser Beziehung vollständig und soll die Seele der russischen Judenverfolgung sein, mehr als der Kaiser. Seine Absicht ist nicht, die Juden zu verjagen; er möchte sie im Lande behalten, aber nicht als Juden, sondern als griechische Christen. Er will mit dem Kaiser Rußland kirchlich und politisch uniformieren; die Verfolgung soll nur die

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