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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1891-10-01 · Heft 10 (1.10.1891) · p. Seite 222

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 10 (1.10.1891)
Date
1891-10-01
Page
Seite 222 (sequence 6)
Language
German
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222 Welche Eigenschaften muß eine Religion besitzen, welche Wahrheiten muß eine Lehre enthalten, die dem Staubgeborenen das Gefühl seiner gottentstammten Würde, das Bewußtsein seines höheren Berufes einflößt, die den Sinn für Recht und Tugend und Eintracht in ihm weckt und aufrecht hält, die Milde und Erbarmen in sein Herz legt, Weisheit und Erkenntnis seinem Geiste verleiht, ihn das Leben richtig verstehen, schätzen und gebrauchen lehrt und überhaupt den Menschen zum Menschen macht, ihn über das Thierische erhebt, ihn dem Göttlichen ähnlich zu machen und näher zu führen im Stande ist? Von welchen Gedanken muß die Lehre erfüllt, eine Religion getragen sein, die nicht blos den Anschauungen und Voraussetzungen Einzelner entsprechen, sondern einem Jeden nährende Seelenkost spenden, die ein Licht der ganzen Menschheit werden, die eine Geistesmacht für alle Zeiten bleiben will? Gewiß wird sie, was zunächst ihren Ursprung anlangt, nicht eine Erfindung und Einrichtung eines Bevorzugten mit Macht und Weisheit begabten Menschen oder die Schöpfung und Geistesfrucht eines einzelnen Volksstammes sein dürfen, sondern vielmehr in ihrem Inhalte es bekunden müssen, daß sie bent Bewußtsein der ganzen Menschheit entsprossen ist, daß in ihr die ewige Wahrheit, deren Wiederschein in jeder Menschenseele sich abspiegelt, sich lichtvoll offenbart, sich klar zu erkennen gibt. Nun wer wollte es leugnen, daß dies in vollstem Maße bei der Lehre zutrifft, der wir seit Jahrtausenden mit ungeschwächter Treue anhängen. Wer ist ihr Schöpfer: Abraham, Moses, Samuel, Jesaia, Esra? Keiner von Allen? Ihr Ursprung reicht in die älteste Vergangenheit, bis zum Anfänge aller Dinge zurück. Sie fängt mit Adam, dem ersten Akenschen an, leitet ans Noa und seine Söhne sich fort, wird bei Abraham und seinem Hause heiliges Lebensgesetz, wird von Jakob und den zwölf Stämmen als ein kostbares Geisteserbe bewahrt und wird durch Moses und seine Verkündigungen Eigenthnm des ganzen Volkes, lautes Zeugnis des Ewigen vor der ganzen Menschheit. Wo sie ihren Ursprung hat? in Gott, dem Allgeiste, der das Leben der Welt ist und wo sie ihre Bewahrung findet? in der geläuterten Vernunft des Menschen, die der Maßstab und Probestein für jegliche Erkenntnis ist, in dem gereinigten Gewissen des Menschen, das streng zu scheiden weiß das Gute von dem Bösen, das Edle von dem Gemeinen und Niedrigen. Eine Lehre, die so gleichsam von selbst in's Leben getreten ist, die stets bestehen muß, wenn die Menschheit nicht ihrem eigenem Geisteswesen sich entfremden soll, weil sie der Quell ist, aus dem allein alle Ströme sittlicher Erkenntnis sich herleite», muß aber auch in Ansehung ihres Inhalts alle die Wahrheit des Geistes, alle die Weisheit des Lebens enthalten, die vor schädlichen Verwirrungen schützt und von thörichtem Wahne befreit. Und siehe da, besitzt das Judentum nicht alle diese Schätze, welche die Seele bereichern und den Menschen beglücken und feblt in linserer Religion auch nur eine Lehre und Mahnung, die erst hinzugefügt werden müßte, um sie zu vervollkommnen, um sie zur Religion der ganzen Menschheit zu mache«? Was finden wir an weiser Lehre und gediegener Wahrheit in dem Schrifttume und Gedankenvorrate aller Jahrhunderte, was nicht schon längst in unserer Lehre wäre klar bezeugt und offen ausgesprochen? Wohl aber enthält das Judentum erhabene und lichtvolle Verkündigungen, für welche sich ein großer Teil der Menschheit noch heute nicht reif und empfänglich gezeigt hat, weil sie eben trotz aller Fortschritte noch lange nicht auf der Höhe steht, auf der schon in alten Seiten unsere Vorfahren gestanden, noch weit entfernt ist von dem Ziele, dahin unsere Religion die Menschheit bringen will. Der Gottesgedanke, der uns sagt, daß durch das

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