Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1891)
- Date
- 1891-10-01
- Page
- Seite 221 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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221 Jür das SchlüßM. Von Rabbiner D r. N. Brüll s. A. Zweimal im Laufe der geheiligten Festzeiten werden alte Berichte und Erzählungen vernomnien über die Feier, durch welche einst der mächtige und weise König Salomo, den voll ihm erbauten Gvttestempel in Jerusalem eingeweiht hat. Wir vernehmen die Reden, die er da gesprochen, die Lobpreisungen, die er da dem Gotte aller Welten dargebracht, die Segnungen, mit denen er das zahlreich versammelte Volk begrüßt und entlassen, die Danksagungen, durch welche er da seiner Freude über das glücklich vollendete Werk Ausdruck gegeben hat. Was haben denn aber diese längst verklungenen Reden, diese vor Jahrtausenden gesprochenen Gebete mit Succoth und Schemini-Azeret, mit Hüttenfest und Schlußfest zu thun, daß wir sie da stets von Neuem in unseren Gotteshäusern ertönen lassen, sie da zu wiederholter Betrachtung uns entrollen und vorführen? Was soll da neben der Ankündigung jener lichterfüllten Zeit, in der ans dem ganzen Erdenrunde nur der Name des einen ewigen Weltengottes ivird bekannt und verherrlicht werden, die Erinnerung an Jerusalem mit seinem Tenipel, an Salomo mit seiner Feier, an das kleine Palästina, an das alte Jsraelsreich? Die durch die Schrift bekundete, durch unzweifelhafte lieber» lieferungen und glaubwürdige Berichte bezeugte Thatsache, daß die Einweihung des jerusalemischen Heiligtumes, die einst in diesen Tagen stattgesunden hat, mit dem Schlußfeste beendigt worden ist, rechtfertigt zwar diesen herkömmlichen Brauch so weit, daß uns daran nichts mehr fremdartig und unbegründet erscheinen kann, allein wäre es nicht der inneren und tieferen Bedeutung unseres Festes angemessener, daß wir da eine jener erhebenden, begeisternden Zukunftsreden vernehmen, welche in den Schriften unserer Seher, unserer gotterleuchteten Propheten verzeichnet sind? Nun denn! Das Schlußfest, das in der goldenen Kette der Festzeiten, die das jüdische Kalenderjahr schmückt, gleichsam den Schlußring bildet, will es uns verkünden, daß alle die welterleuchtenden Lehren, alle die erhabenen Verheißungen, welche wir in den Büchern unserer Weisen finden, welche in den einzelnen Festen uns in Erinnerung gebracht werden, nicht etwa erst in späteren Zeiten zu dem Judentum hinzugekommen sind, sondern vielmehr sämmtlich bereits von Urbeginn seines Daseins seinen eigentlichen Inhalt, seinen geistigen Lichtkern gebildet haben, oder mit anderen Worten, daß die Lehre der Wahrheit, die Israel bekennt, von jeher darin ihre Bestimmung getragen hat, die ganze Menschheit niit dem Geiste der Tugend und der Erkenntnis zu erleuchten. Darum öffnet es uns die Pforten des ersten Gotteshauses, das in Jerusalem aufgebaut wurde und läßt uns die ersten Gebete hören, die in seinen Räumen erklungen sind, damit wir sehen, daß alle die großen Gedanken des Judentums, die bis ans den heutigen Tag die unerschütterlichen Grundlagen, die mächtigen Schutzniauern seines Bestandes sind, von Anfang an in ihm gelegen waren und daß es daher von keiner späteren Lehre, von keiner jüngeren Geistesrichtung überholt und verdrängt werden kann. Wir wollen nun hintreten, um uns mit den großen und lichtvollen Wahrheiten, die da ausgesprochen sind, näher bekannt zu machen um zu erkennen, daß der Geist unserer Lehre stets derselbe gewesen ist, stets unveränderlich bleiben wird, auch wenn er in manichfacher Gestalt und Form sich uns darstellt und kundgibt.