Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1891)
- Date
- 1891-10-01
- Page
- Seite 219 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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219 Garten ihres Lebens, ein freundlicher Stern am Himmel ihres Daseins, ein herrlicher Schatz in den Räumen ihres Hauses, ihres Herzens Segen und Wonne, ein Besitz, der sie beglückt und beseligt, wer will es wissen, ob nicht die Hand des Todes bald auch diese zarte Blume pflücken, dieses junge Lebenslicht auslöschen, diesen Schatz teueren Elternglückes in das finstere Grab hinabsenken wird? Das steht doch einmal fest, daß wir bei einem Blicke in die Zukunft, wenn diese auch alles zweifelhaft läßt, doch immer den sicheren Tod vor Augen haben, wie wir ja eigentlich im Laufe unseres Erdendaseins fortwährend mehr sterben als leben nnd da sollten wir nicht mit Bangen und Zagen der kommenden Tage gedenken, die uns dem Grabe immer näher bringen und so viele ungesehene Leiden und Gefahren in sich bergen? Und dennoch ist nicht Furcht, sondern nur Ernst die Stimmung, die die Religion in uns erwecken will, wenn sie zu solcher Erinnerung und Betrachtung unseres Daseins uns auffordert. Die Furcht des Todes soll vor dem Ernst des Lebens zurückweichen und wenn wir den Ernst des Lebens erfassen, dann werden wir die wahre Seelenfreude und Hoffnuugsinnigkeit wieder erlangen, nicht jene Freude, die als Nachhall vergänglicher Erdenlust in unseren Herzen dahinrauscht und unsere Seele mehr betrübt, als erquickt, sondern die Freude, die einem gerechten edlen Selbstbewußtsein entstammt und wie ein Licht aus dem Reiche des Ewigen uns in das Herz hineinstrahlt und von der der heilige Sänger ausruft: Dem Gerechten erblühen auch auf den Gefilden des vergänglichen Daseins Saaten des ewigen Lichtes und denen, die redlichen Herzens sind, wird es nie an innerer Hoffnung und Freudigkeit fehlen. Den Ernst des Lebens erfassen, das heißt aber nichts anderes, als das Leben in seiner wahren Bedeutung erkennen, es nicht so, wie es in seiner engen zeitlichen Begrenzung, sondern wie es nach seiner tieferen ewigen Bestimmung dem denkenden Menschengeiste sich darstellt, betrachten und anschauen. Alle Räthsel unseres menschlichen Daseins finden in dem Gottesgedanken, der uns die Welt des Unendlichen erschließt, ihre Lösung; wie wir über das Irdische emporblicken — und das ist ja der höchste Vorzug des geistbegabten Menschen, daß diese Fähigkeit ihm verliehen ist — da leuchten die Ahnungen des Ewigen in unserem Herzen auf und das Sehnen unseres Gemütes wird zum Glauben, zur Offenbarung des Göttlichen in unserer Seele und wir wissen, daß wir Kinder eines himmlischen Vaters sind, niemals verlassen von seiner ewigen Liebe, die uns Heil und Seligkeit verheißt? Was sind die Leiden des Lebens, was sind die Schrecknisse des Todes, wenn wir au die Vergänglichkeit alles Irdischen denken nnd an die gnadenreiche Liebe des Herrn, die uns über die Vergänglichkeit zur Ewigkeit erhebt? „Der Herr ist mein Licht und mein Heil, was sollte ich fürchten, der Herr ist die Stütze meines Lebens, wie könnte ich verzagen?" Haben wir den Glauben im Herzen, dann haben wir den Trost im Leben, dann haben wir die Hoffnung nach dem Tode, einen Quell des Heiles, der niemals versiegt und einen Schatz der Zufriedenheit, der alle vergängliche Glücksgüter des Erdendaseins überdauert. Und solche Weihe des Glaubens auszubreiten über das Leben und über den Tod, dazu sind die heiligen Gottesfeste bestimmt, die in das neue Jahr uns einführen. „Der Herr ist mein Licht," das ist die Lehre, die das Neujahrsfest - uns verkündet, indem es uns zuruft: Heil dem Volke, das auf die Gottesstimmen, die in die Herzen hineintönen, achtet, Herr es wandelt in dem Lichte deiner Gnade! 19*