Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1891)
- Date
- 1891-10-01
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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218 Macht und nach Ansehen, der sie ihre Seelenruhe zu», Opfer bringen. Was würden sie oft darum geben, wenn sie sich ihre Vergangenheit wieder zurückkaufen könnten, in der sie zwar ärmer an irdischen Glücksgütern, aber reicher an Zufriedenheit und Seelenfreude gewesen sind! Ja die Betrachtung unserer Vergangenheit hat für uns, so wenig wir uns auch über unser Lebensgeschick zu beklagen hätten, immer etwas Beklemmendes, Beschämendes! sie ruft uns zumeist das, was wir am liebsten vergessen möchten, ins Gedächtnis, sie stellt uns immer die eigene Schuld vor Augen, die, ob sie nun mit kalt berechnender Bosheit verübt oder in glühendem Eifer der Leidenschaft begangen worden, doch als eine Schande von uns empfunden wird, über die wir uns vor uns selbst nicht hinwegtäuschen können und so ist es denn ganz selbstverständlich, daß der Tag der Erinnerung, mit welchem wir einen vergangenen Zeitabschnitt beschließen uns zugleich zu einem Tage der Reue und Bekehrung sich gestaltet, durch welche wir unsere Sünden hinweglöschen, unsere Unschuld wiederherzustellen und vor unserem Gotte Gnade und Vergebung zu erlangen suchen. Wenn wir nun nicht ohne ein Gefühl der Kleinmut, der Niedergeschlagenheit und Verzagtheit in die vergangenen Tage unseres Daseins zurückschauen können, wie schwerer die Angst, wie größer' die Sorge, wie schmerzlich die Banguis unseres Gemütes, so wir der Zukunft gedenken mit allen den mannigfachen unberechenbaren Geschicken, denen wir auf ihren von uns noch nie betretenen Pfaden entgegengehen. Wir können sie gar nicht ansdenken, alle die Möglichkeiten, die da, ehe wir uns dessen recht versehen haben, als vollendete Thatsache und Wirklichkeit an uns herankommen, jeder Schritt ist von Gefahren umlauert, jeder Augenblick in Finsternis gehüllt und was wir für die kommenden Zeiten planen und Vorarbeiten, >ver will es uns sagen, ob es gelingt und am Ende nicht gar zu unserem eigenen Verderben ansgeht? Der du dich so sicher fühlst in deinem Besitze, der du so stolz thnst mit deinen Erfolgen, der du so zuversichtlich deine Znkunftspläne aufbaust, o rühme dich des morgenden Tages nicht, mahnt der weise Salomo, denn du weißt nicht, was sich noch heute mit dir erreignen kann. Niemanden und wäre es auch der Mächtigste auf Erden, ist seine Zukunft hinieden verbürgt und gesichert, niemand ist Herr seines Geschickes, daß er es ganz den Geboten seines Willens unterordnen und den Wünschen seines Herzens sich gefügig niachen könnte. Und dann, wenn wir uns auch schon damit trösten und beruhigen wollte», daß wir nach unserer menschlichen Voraussicht für die nächste Zukunft nichts von den Leiden des Lebens zu befürchten hätten und wenigstens ihretwegen uns keine unnütze Augst und Sorge machen wollten, so lange ihre Schatten nicht in den Gesichtskreis unseres wirklichen Daseins fallen, haben wir nicht immer die Schrecken des Todes zu gewärtigen, der überall auf Erden seinen Wohnsitz hat, seine Herrschaft übt und Tag für Tag seine Ernte hält, seine Beute heimführt. Der Greis, “ber heute mit uns dankerfüllten Herzens den Eingang des neuen Jahres begrüßt, wer will es wissen, ob er ebenso bei dessen Ausgang wiederum in unserer Mitte weilen wird? Der Jüngling, der mit vollen Segeln in das offene Meer des Lebens hinaussteuert, die Zukunft in den schönsten Bildern sich ausmalt und mit hoffnungsfrohem Herzen, mit schaffensfrohem Geiste sich den Weg zum Ziele bahnt und glücklich von Stufe zu Stufe emporschreitet, wer will es wissen, ob er es auch erreichen wird, ob nicht der tückische Tod sckou hinter ihm einhergeht und plötzlich der Tag seines Unheils hereinbricht. Das Kind, die Freude seiner Eltern, eine liebliche Blüte in dem