Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 9 (1.10.1891)
- Date
- 1891-10-01
- Page
- Seite 208 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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208 gewiesen, wo der große Lehrer die rührende Bitte ausspricht: O, Herr, laß mich deine Herrlichkeit schauen!" und die Antwort erhält: „Mich kann kein Mensch schauen so lange er lebt." „A berichwerde meine Allliebevor dir v o r ü b e r f ü h r e n und bei N a in e n a u s r u f e n den Ewigen vor dir!" — Und als nun die Erscheinung an dem demütig hingesunkenen Moses vorüberzog, da werden als Gottes höchste Attribute seiner Liebe, Gnade und Barmherzigkeit genannt, aber in Verbindung mit diesen Eigenschaften seine Gerechtigkeit. Denn wahrlich eine weichliche Zärt' lichkeit, wie sie Liebe ohne Gerechtigkeit darstellen würde, ist Gottes ebenso unwürdig, als die Strenge, ja Härte, wie die Gerechtigkeit sein würde ohne die Liebe. Die Vereinigung beider, der Liebe und der Gerechtigkeit, wie das Jndenthnm sie auffaßt, ist die einzige der Gottheit würdige Verbindung seiner erhabensten Eigenschaften. — Wollte man also durchaus von einem besondern Gott der Juden reden, so würde es nicht der zürnende, strafende und zugleich ungerechte, sondern der Gott der Liebe, der Gnade und der Versöhnung sein. Allein nichts kann verkehrter sein, als das Vorurteil, daß die jüdische Gottesidee eilten N a t i o n a l g o t t, den Gott Jraels allein verkünde. Widersprechen dein schon das Bekenntnis „Schema" in welchem der Ewige „ u n s e r G o t t" als „d er Einzig e" verherrlicht wird und unzählige Stellen der heiligen Schrift, die ihn als „König der ganzen Erde", (Ps. 47) „Schöpfer der ganzen Welt" (Jes. 43) „Schöpfer und Vater aller Menschen" (Mal. 2) u. s. w. preisen, so wird schon ein Blick auf unsere uralten Gebete und Gebeteinrichtungen genügen, um jenes Vorurteil in das Gebiet der Unwissenheit oder bewußten Feindseligkeit zu verweisen. Das Schlnßgebet bei jedem Gottesdienste, öffentlichen oder privaten, ist das Alenu-Gebet, in welchem nicht etwa „der Gott Israels," sondern der „Herr des Weltalls," „der Schöpfer des Anbeginns" gepriesen wird, in welchem die messianische Zukunft verkündet wird „daß die Welt durch das Reich des Allmächtigen vervollkommnet werde und alle Erdgeborenen deinen Nanien ausrufen", „daß alle Bewohner des Erdkreises es erkennen und einsehen, daß vor dir allein jedes Knie sich beugen und jede Zunge bei dir nur schwören soll", und das mit der Verheißung des 8oclmr,jnlr (14, 19) schließt: „Der Ewige ivird König sein über die ganze Erde; an jenem Tage wird der Ewige einzig sein und sein Name: Einziger!" An das Alenu schließt sich bei jedem öffentlichen Gottesdienste »och an das Kaddisch ein der Heiligung des göttlichen Namens gewidmetes Gebet, worin ebenfalls der Allmächtige gepriesen wird als erhaben über alles Lob und Lied, über jede Benedeiung und Verherrlichung, die je auf Erden ausgesprochen wurde." Besonders komnien für unsere Frage noch in Betracht die Gebete an unsere» höchsten Feiertagen, dem Neujahr und Versöhnnngsfeste, und zwar ganz besonders, weil diese Feste als r e i u r e l i g i ö s e F e st e die Grundgedanken der Religion, das Verhältnis; des Mensche» zu Gott zum Ausdruck bringen, die Gebete an denselben also besondere Wichtigkeit haben niüssen, während alle übrigen Feste äußeren Anlässen uud historische» Erinnerungen ihre Entstehung und Bedeutung verdanken. Da heißt es nun in dem Hanptgebete, der Tefilla (oder sogenannten Schemtme essre) um aus vielen Stellen des erhabensten Aufschwungs nur einige herauszugreifen: „Es mögen dich ehrfürchten alle Werke und vor dir sich niederwerfen alle Geschöpfe, daß sie alle in einen Bund zusammentreten, um deinen Willen zu erfüllen mit aufrichtigem Herzen" — „Herrsche du über