Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 9 (1.10.1891)
- Date
- 1891-10-01
- Page
- Seite 206 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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206 I. Die Erscheinung im Dornbusch, jenes ewig-schöne Bild reinerund wahrer Religiosität, als des Feuers, das da leuchtet und erwärmt, aber »immerniehr zerstört; die Gesetzgebung auf dein Sinai, und besonders jene heilige Zehn Worte, welche damals, heute und immerdar die Grundlagen aller Gesittung und Bildung unter den Menschen darstellen — würden allein schon zur Genüge eine Anserwältheit Israels aus allen Völkern beweisen, die ans dem ganzen Erdenrnnde noch in der Nacht des finstersten Wahns, des lächerlichsten Irr- und Aberglaubens, der Gräuel des Götzendienstes, der Menschenopfer und der schmachvollsten Unsittlichkeit versunken waren — wenn auch nicht diese Anserwältheit ausdrücklich und wiederholt ausgesprochen wäre. Allein es kann nicht genug hervorgehoben werde», daß in der Anserwältheit keineswegs ein Anlaß zu st o l z e r Ueber Hebung, sondern vielmehr zu deniütiger Beugung unter eine hohe W e l t a u f g a b e gefunden werden kann. „Ihr sollt mir ein Reich von Priestern sein und ein heiliges - Volk" (2. Mos. 19, 6) Was kann da die Berufung zum Prie st erreiche anders bedeuten, als wie die Priester im Volke, Lehrer und Verbreiter einer reinen Gotteserkenntnis zu sein, unter den Völkern! und in dem Epitheton „heiliges Volk" ist das heilig nicht anfznfassen als eine Israel anhaftende Eigenschaft, sondern als eine Aufforderung die Heiligkeit sich anzneignen, wie es (3. Mos. 20, 7) ausdrücklich heißt: „So heiliget euch denn, daß ihr heilig seid" und wenn (3. Mos. 19, 2.) gefordert wird: „Ihr sollt heilig sein denn ich bin heilig, der Ewige, euer Gott" - so wird eine ganze Reihe der höchsten Sittengesetze' angeschlossen, welche die Heiligkeit begründen sollen. Zwar heißt es (5. B. Mos. 33, 4i: „Die Lehre, welche Mose uns geboten, ist ein Erbteil der Gemeinde Jakobs; jedoch ist auch hier der Begriff Erbteil nicht als ein einfach von den Vorfahren überkommendes Eigentum anfznfassen sondern als ein hohes Gut. das immer von neuem erworben und verdient sei» will, wie sehr richtig Rabbi Jose (Aboth 2, 17) bemerkt: „Bemühe dich selbst, die Torah zu erlernen; denn ein Erbe ist sie (sonst) nicht für dich." Es ist das derselbe Gedanke, welchem auch Göthe so schön Ausdruck giebt: „Was du ererbt von deinen Vätern hast. Erwirb es, um es zu besitzen " Die Erwültheit zu einem Priestervolke, sollte auch keineswegs Israel ü b er m üth i g machen und dasselbe darin im Zugeständnis an seine Bedeutung und Würdigkeit erblicken lassen. Im Gegenteil weist der große Lehrer das Volk oft genug ans seine Unwürdigkeit hi», warnt es vor Ueberhebuug nub ergeht sich in bitteren Vorwürfen ob seines Unglaubens und Ungehorsams, seiner Wiederspenstigkeit und Treulosigkeit. „Du bist ein hartnäckiges Volk." (V. 9, 6) „Ihr gehorchtet nicht und wäret dem Befehle des Ewigen widerspenstig" (I, 43) Widerspenstig wäret ihr wieder de» Ewigen vom Tage an, daß ich euch kenne" (9, 24). Er sieht es in prophetischem Geiste voraus, daß es auch später schlimmer werden würde. „Siehe, da ich noch heute lebend bei euch bin, wäret ihr widerspenstig gegen den Ewigen, um wie viel mehr nach meinem Tode?" (31, 27). Und in dem Liede, dem Mahn- und Strafliede (V, 32) das ausgeschrieben und auswendig gelernt werden sollte kommen gar harte Strafworte vor: „falsches, tückisches Geschlecht", „thörichtes, unweises Volk", „ein wandelbares Geschlecht, Kinder, in denen keine Treue ist" u. s. w. Wahrlich, solche Worte waren nicht geeignet, in dem Volke den Wahn