Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 9 (1.10.1891)
- Date
- 1891-10-01
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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196 Moral, der Moral als Wissenschaft und als Leiterin des praktischen Verhaltens) und Frau Sarah Goldmann betrauern in ihm einen theuren Vater, und dessen Andenken — wir sind dessen gewiß — werden sie lebenslänglich heilig halten. In gelehrten Zeitschriften hat Adler auch manchen bedeutenden und fördersamen Artikel veröffentlicht, und eine Auswahl dieser Artikel tvurde 1886 in einem Sammelband für seine Freunde gedruckt. Sie sind meistens für den Fachmann bestimmt, der sich ans dem engeren Gebiet biblischer und talmndischer Studien bewegt. Für den Mann allgemeiner Bildung dürfte übrigens besonders ein bestimmter Artikel zu empfehlen sein, der sich auch in diesem Sammelband befindet, nämlich der Artikel „Talmud", welcher ursprünglich für Johnson's „Cyclopedia" geschrieben ivorden war, und welcher hier nochmals veröffentlicht wurde. Wir wüßten keinen andern Artikel in englischer Sprache zu nennen, der in gleicher Gründlichkeit und Klarheit und mit gleicher, allseitig gerecht werdender Objektivität das schwierige Thema behandelt hat, als der Artikel „Talmud" unseres dahingegangenen Freundes Sein „Gutachten über das entblößte Haupt im Gottesdienste", sein „Leitfaden für den jüdischen Religionsunterricht" und einige andere kleinere literarische Arbeiten verdienen gleichfalls lobende Erwähnung. Als Adler als ganz junger Mann in seine Rabbinerthätigkeit eintrat, und noch lange nachher, befand sich das Jndenthum» besonders in Deutschland, in einer rasch vorwärts drängenden Uebergangsperiode. Die Geister waren tief erregt, das heißt, die Geister Derer, die überhaupt an geistigem Streben und geistigem Leben Autheil nehmen. Sind wir deutsche Jude» oder sind wir jüdische Deutsche? So fragte man sich. Sind wir Palästinenser, die zufällig auf europäischem Boden leben, oder haben wir alles Nationaljüdische, alles Reinpalästinensische, als ettvas Ueberwundenes oder Abgestorbenes von uns abzustreifen? So stellte man sich in den Kreisen der Klarerdenkenden das Problem. Auf ivelcher Seite Adler zu suchen war, und welche Antworten Adler gab, das wird aus dem Gesagten bereits klar geworden sein. Adler gehörte zu den Fortschreitenden. Aber er war, wie erwähnt, kein stürmisch Voraneilender. Er war tveise, im besten Sinne des Wortes, er war besonnen, und gerade darum war er praktisch um so erfolgreicher. Seiner ganzen geistigen Anlage nach war er kein Dogmatiker, Positiver Fertiger, sondern er gehörte der historisch jüdischen Schule an, er war und blieb stets ei» Strebender. Unter seinen jüdisch-theologischen Zeitgenossen war ihm Geiger am meisten geistesverwandt. Und so ist er nun auch von uns gegangen, — einer der letzten aus einer Schaar geistig hochbedeutender und theoretisch und praktisch mächtig einwirkender jüdischer Gelehrten unseres Jahrhunderts, die vorzugsweise im zweiten und dritten Viertel dieses Jahrhunderts blühten, und von denen nur noch Wenige in unsere Gegenwart herein ragen. Die Reihen haben sich sehr gelichtet. Eine neue Zeit ist auch für das Judentum gekommen, insbesondere auch für das Judentum in^ Amerika; — eine neue Zeit und eine andere Zeit. Und wohl mögen wir mit Heine sagen: „Andere Zeiten, andere Vögel! Andere Vögel andere Lieder!" u. s. w. Hoffen wir übrigens, daß auch die neuen Lieder melodisch und harmonisch sein und uns antreiben mögen zu gesunder Weiterentwickelung und zu gesichertem Fortschritt! B. Felsen thal.