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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1891-09-01 · Heft 8 (1.9.1891) · p. Seite 185

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 8 (1.9.1891)
Date
1891-09-01
Page
Seite 185 (sequence 17)
Language
German
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185 sich in den Städten anzuhäufen — und in welchen Städten! 450 Christen nehmen hier denselben Platz ein, wie 1300 Juden. In Tschernigov, einer engen und schmutzigen Stadt, welme kaum 5000 hungrige Einwohner beherbergte, hat man in 18 Monaten mehr als 15000 Juden zusammengedrängt, welche bis dahin in den Flecken der Nachbarschaft verbreitet waren- Wie sollte die Pest nicht alljährlich in dem Territorium ansbrechen? Da zeigt sich wiederum die Elastizität des Gesetzes. Wo endet die Stadt, wo beginnt das Dorf? Das ist nirgends bestimmt. Unter der Regierung Alexanders II. hatte man sich nachgebend gezeigt. Viele Juden ließen sich damals in Flecken nieder, wo die Handelsgeschäfte lebhaft gingen. Seit 1886 sieht man wirkliche Städte, wie Palitsky, plötzlich zu Dörfern degradiert; man betrachtete die Vorstädte Wilnas als Dörfer und alle dort wohnenden Inden wurden in die Stadt gejagt. Die Mehrzahl der Ausgetriebenen haben keine Transportmittel; man führt sie von Etappe zu Etappe wie Verbrecher zu den überhäuften Plätzen, wo sie leben müssen, wenn sie nicht unterwegs sterben, oder dem Elende gleich bei der Ankunft unterliegen. Das was in der That am meisten bei der Betrachtung der Lage der russischen Juden ins Auge fällt, das ist, daß sie stets nicht nur als Fremde, was schon grausam genug ist, sondern als „in Freiheit gesetzte Verbrecher" betrachtet worden sind. Das Ausnahmegesetz, welches man auf sie anwendet, ist genau dasselbe- Die Polizei hat für sie dieselben Rechte und übt sie mit derselben Strenge ans. Das Gesetz verbietet den Inden Ackerbauer zu sein, da sie weder Boden besitzen, noch mieten können; es untersagt ihnen den Engros-Handel. Es führt sie so selbst auf verwerfliche Handwerkszweige, auf zuweilen niedrige» schändliche Gewerbe; und dann finden sich Leute, welche sagen: „Sehet diese Juden! sie wissen nicht die Erde zu bebauen, noch auf rechtschaffene Weise ihren Lebensunterhalt zu erwerben; es ist eine Rasse von Mäklern und Wucherern!" Mit der Intelligenz, welche diese Unglücklichen jedes Jahr verschwenden, um nicht Hungers zu sterben, würde Rußland in dreißig Jahren eines der größten Industrieländer der Welt sein. Die Juden sind natürlich dem Militärdienste unterworfen. Sie werden weit eher mißhandelt, als die Orthodoxen und selbst als die Muselmänner, während der Zeit, die sie unter den Fahnen zubringen; aber es ist ihnen formell versagt, Offizier zu werden, während die Muselmänner es werden können. Der Kaiser Nikolaus hatte verordnet, daß die von dem Militärdienste frei gewordenen Juden in ganz Rußland wohnen können; man hat dieses Privilegium unterdrückt unter dem Vorwände, daß, da der Militärdienst obligatorisch geworden ist, er keine Belohnung nach sich ziehen kann. Die offizielle Statistik beweist, daß die Juden, in Anbetracht der Bevölkerungsziffer, der Armee viel mehr Rekruten liefern, als die Christen. Das liegt besonders daran, daß die Rekrutirungsgesetze an ihrer Stelle mit außerordentlicher Strenge angewandt werden. Nichtsdestoweniger sind die Juden gute Soldaten. Zahlreiche Juden haben sich während des Krieges von 1877 ausgezeichnet; Skobelef wußte davon zu erzählen. Ein schlechter Scherz ist es, den Muth denjenigen Leuten abzusprechen, welche sterben, um nicht auf ihren Glauben zu verzichten. Und dennoch schreckt der Antisemitismus in Rußland, wie anderwärts, nicht vor dieser Verleumdung zurück. Der Antisemitismus in Rußland ist durchaus von demjenigen in Westeuropa verschieden. In Paris hält man sich an etwa fünfzehn sehr reiche Israeliten, die nach außen sich zeigen und deren Namen unaufhörlich in der 16

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